Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 10.05.2007
1:1 - Auge um Auge
Vertrauen in einer Welt von Vorurteilen
Eine Vorstadt in Kopenhagen; die Dänin Mie und der Palästinenser Shadi lieben sich. Doch ihr junges Glück wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt, als Mies Bruder brutal zusammengeschlagen wird. Die Medien sehen in dem Fall eine weitere Bestätigung für die Zunahme der Ausländerkriminalität. Mie sucht Trost in den Armen ihres Freundes. Doch der weicht ihr aus, denn er hat seinen älteren Bruder in der Tatnacht mit einem blutverschmierten T-Shirt ertappt. Mit beeindruckenden Laiendarstellern und großer Unmittelbarkeit legt Regisseurin Annette K. Olesen den Finger in die Wunde, zeigt sie den kulturellen Graben zwischen Dänen und muslimischen Einwanderern. Im Land des Karikaturenstreits hat sie damit ein heißes Eisen angepackt.
Natürlich ist "1:1" nicht frei von Klischees. Da gibt es beispielsweise die ausländerfeindliche Oma, die der Familie von Mie viel Geld verspricht, sollte sie endlich das Problemviertel verlassen. Doch differenziert wird der Film immer dann, wenn Regisseurin Annette K. Olesen ihren Blickwinkel auf die Einwanderer fokussiert und die Verunsicherung der Migranten hautnah beschreibt. Das wirkliche Drama spielt sich im Grunde nicht zwischen Shadi und Mie ab, sondern zwischen Shadi und seinem älteren Bruder. Verletzter Stolz und die Unfähigkeit, offensiv mit der Situation umzugehen verhindern, dass die Brüder wieder zueinander finden.
Nicht nur der Blick auf die Ausländer verändert sich nach einem derartigen Vorfall. Auch der Zusammenhalt der Migranten wird erschüttert. "1:1" ist ein eindringlicher Film über den Kampf um Vertrauen in einer Welt von Vorurteilen und schnellen Verdächtigungen.
Klaus Friedrich
10.05.2007 - aktualisiert: 10.05.2007 12:57 Uhr