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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.05.2007

Joe Strummer - The Future Is Unwritten

Rock-Ikone zwischen Höhenflügen und Krisen

Wenn Joe Strummer mit seiner Band The Clash auf der Bühne sang, schrie und wetterte, schien er unter Strom zu stehen. Zu allem entschlossen, mit feurigem Blick, alle Muskeln angespannt, lebte er die Musik, war er selbst die Musik. Joe Strummer, Rock-Ikone und Lichtgestalt des englischen Punk, war einer der wenigen, denen man uneingeschränkt abnehmen konnte, dass er wirklich ein Anliegen hatte. Er inszenierte Protest und Rebellion nicht, er verkörperte sie leidenschaftlich. Zudem gab es in der Punk-Ära nicht viele Bands, die wie The Clash musikalisch über die Genre-Standards hinausgingen, mit Reggae, Dub und Rockabilly spielten. 2002 starb Strummer im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt, und der Regisseur Julien Temple hat ihm nun mit einem exzellenten Dokumentarfilm ein würdiges Denkmal gesetzt.

Temple war damals dabei, er kennt die Szene und viele der Akteure - 1979 drehte er schon den Sex-Pistols-Film "The Great Rock"n"Roll Swindle". Nun arbeitet er die Biografie Joe Strummers, der als John Graham Mellor 1952 geboren wurde, chronologisch auf. Er hat Bilder und Filmausschnitte zu einer bunten Collage zusammengefügt und auch den jeweiligen Zeitgeist schlaglichtartig mit eingefangen. Und er hält ein hohes Tempo, das dem Wesen seiner Hauptfigur entspricht: Der Film ist in jeder Hinsicht so, wie Strummer selbst war.

Temple reißt Kindheit und Jugend an, zeigt Strummer in seiner Hippie-Phase in besetzten Häusern mit seinen Kommunarden, die ihn "Woody" nannten und nun ums Lagerfeuer stehen und sich vor der Kamera erinnern. 1976 dann - Ironie der Geschichte - spielte Strummer mit seiner Rockabilly-Band, den 101-ers, und die Vorband fegte sie förmlich weg: Es waren die Sex Pistols. Strummer löste seine Band auf und gründete kurz darauf The Clash, deren Aufstieg und Zerfall Temple präzise begleitet, analysiert, klärt. Er hat Gitarrist Mick Jones, Drummer Topper Headon und viele andere Weggefährten und Verehrer Strummers ausgiebig befragt, unter anderem kommen Sex-Pistols-Gitarrist Steve Jones, Red-Hot-Chili-Peppers-Sänger Anthony Kiedis und Regisseur Jim Jarmusch zu Wort.

Dazwischen: Immer wieder Strummer in Aktion, The Clash auf der Bühne, bekannte und rare Mitschnitte, alle großen Songs von "White Riot" über "London Calling" bis zum US-Megahit "Rock The Casbah". Temple hat Sprache und Musik mit Fingerspitzengefühl dosiert, die Balance stimmt. Und am Ende steht nicht das Bild eines Rockstars, sondern eines Menschen, der seinen eigenen Weg gegangen ist, der geträumt und gezweifelt hat, Höhenflüge und schwere Krisen durchlebte. Julien Temple ist ein Porträt geglückt, wie man es sich oft wünscht und selten sieht.
 

Bernd Haasis

24.05.2007 - aktualisiert: 24.05.2007 15:14 Uhr

 


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