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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.08.2007

Reine Geschmacksache

Tour de Provinz

Selten sind es die ganz großen Filme, die sich mit Arbeit und Leben von Vertretern auseinandersetzen wie diverse Verfilmungen von "Tod eines Handlungsreisenden", sondern eher die kleineren, wie Dominik Wesselys Dokumentation "Die Blume der Hausfrau" oder Bülent Akincis bitter-absurdes Roadmovie "Der Lebensversicherer". Auch der ehemalige Student der Ludwigsburger Filmakademie, Ingo Rasper, widmet sich nun dieser Zunft.

Edgar Selge mimt in der Rolle des Wolfgang Zenker einen Vertreter von Damenoberbekleidung - und das mit einer Leidenschaft, die authentischer kaum sein könnte. Zenker vertritt eine Firma, die sich bislang auf "die elegante Frau ab 40, gerne auch mit Problemzonen" spezialisiert hat. Mit einer neuen, "modischeren" Linie will das Unternehmen sich ein fetzigeres Image verpassen, auch wenn es da, zumindest nach Meinung des alten Hasen Zenker, auf Kosten der Qualität geht. Als der sich weigert, die neue Linie bei seinen Stammkunden zu vertreten, reißt sich sein jüngerer Kollege Steven Brookmüller das Gebiet zusätzlich unter den Nagel und sticht ihm seine Kunden aus. Aber auch Zenker kämpft mit fanatischer Verzweiflung. Hat er sich doch gerade das Spielzeug seines Lebens geleistet, einen S-Klasse-Mercedes, der abbezahlt sein will. Dummerweise hat ihm die örtliche Polizei seine Fahrerlaubnis entzogen. Zenker zieht seinen widerwilligen Sohn Karsten (Florian Bartholomäi) zum Fahrdienst ein, der sich wiederum auf der Tour durch die Provinz in dessen ärgsten Feind Brookmüller verliebt.

Das Chaos kann beginnen - und ist eigentlich schon in der ersten Minute perfekt. Locker und humorvoll schildert Regisseur Rasper Zenkers Not mit Veränderungen, die selbst vor seinem Zuhause nicht haltmachen und in urkomischen HB-Männchen-Auftritten gipfeln. Dagegen können die anderen Figuren nur verblassen, wie etwa Karsten, der sein Coming-out hat, oder die ratloses Ehefrau (Franziska Walser), die von ihrer herrischen Freundin, die allzu platt dem Klischee eines allein lebenden Drachens entspricht, massiv zur Scheidung gedrängt wird.

Jungschauspieler Bartholomäi wurde beim Max-Ophüls-Festival 2007 in Saarbrücken als bester Darsteller ausgezeichnet, zudem gab's für dem Film den Drehbuch- und Publikumspreis. Zu Recht: Selten durfte man über die kleinen Nöte eines liebenswerten Tyrannen in der Provinz so herzhaft lachen.
 

Eva Maria Schlosser

09.08.2007 - aktualisiert: 09.08.2007 13:13 Uhr

 


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