Telekom-Personalvorstand äußert sich erstmals zu seiner 68er-Vergangenheit in Stuttgart
Als junger Mann propagierte Thomas Sattelberger die Weltrevolution. Er war ein Vorkämpfer der 68er in Stuttgart. Dann kam es zum Bruch. Heute macht der Oberschwabe als Personalvorstand der Telekom Schlagzeilen.
Wo er ist, ist vorn. Dort, wo große Konflikte ausgetragen werden, wo es Kraft braucht, Willen und Überzeugung. Darum entscheidet er heute als Personalvorstand der Deutschen Telekom in Bonn über Wohl und Wehe von 230.000 Beschäftigten. Und darum hatThomas Sattelberger einst in Stuttgart gegen das Establishment gekämpft. Immer in vorderster Reihe. Nur die Inhalte haben sich verändert, das Denken, die Überzeugungen. Einst Kommunist. Heute Kapitalist. Einst Revoluzzer. Heute Topmanager. Geht das?
"Ich war im Alter von 16 bis 23, bis in mein erstes Ausbildungsjahr bei Daimler-Benz, politisch aktiv", sagt Sattelberger. "Das war exzessiv. Politik war mein Leben." Das Gespräch findet in seinem Vorstandszimmer in der Telekom-Zentrale in Bonn statt. Es dauert eineinhalb Stunden. Der 58-Jährige will alles erzählen von damals, keine weißen Flecken lassen. Natürlich hätte er lieber auf die Fragen unserer Zeitung verzichtet. Doch konfrontiert mit alten Fotos, Prozessberichten, Pamphleten und Aussagen alter Mitstreiter geht er in die Offensive. Er muss seinen Ruf verteidigen - als Privatmann und als Personalchef.
Sommer 1967. Sattelberger kommt nach einem Jahr Schüleraustausch in den USA in die Heimat zurück. An der Westküste hat er einen "Stopp Vietnam"-Button getragen, von Gewalt gegen Schwarze gehört und von Emanzipation. Er ist innerlich aufgewühlt. In Stuttgart trifft er einen jungen Mann, der am Königsbau Flugblätter verteilt. Der junge Mann heißt Joschka Fischer. Die Parolen der Unabhängigen Schülergemeinschaft (USG) sprechen den Heimkehrer an. "Das war der Einstieg", sagt er.
Sattelberger ist kein Mitläufer. Er übernimmt Verantwortung, scheut keine Konfrontation, politisiert, agitiert, zieht andere mit. Die USG will die Jugend aufrütteln. Sie klärt auf über Sexualität, Marxismus und Faschismus. Die USG ist in Stuttgart bald der Aktivposten der Außerparlamentarischen Opposition (Apo). Einen Protest gegen die Besetzung der CSSR unterzeichnet Sattelberger mit dem Ausruf: "Es lebe die sozialistische Weltrevolution!" Ein Artikel in der Postille "Rotkehlchen" über Papst und Pille bringt ihm 1969 eine Verurteilung zu 20 Arbeitsstunden ein. Er muss sie nicht ableisten. Im selben Jahr steht er wegen einer Aktion gegen die NPD vor Gericht. Freispruch. Mit "Mao Tse-tung"Rufen stürmt Sattelberger nach dem Urteil aus dem Gerichtssaal. Weitere Konflikte mit Justitia gab es nicht, beteuert er.
Sattelberger gründet eine Ortsgruppe der Revolutionären Jugend/Marxisten-Leninisten. Im bürgerlichen Leben schafft der gebürtige Oberschwabe an einem renommierten Stuttgarter Gymnasium ein erstklassiges Abitur, verweigert den Wehrdienst, studiert kurz Soziologie, leistet den Zivildienst am Kreiskrankenhaus Reutlingen ab und versucht ein Lehramtsstudium an der PH Ludwigsburg. Nach zwei Semestern bricht er ab. Die Politik ist wichtiger. Sein Vater, ein hoher Beamter im Landtag, muss sich von den Vorgesetzten fragen lassen, warum er seinen Jungen nicht im Griff habe.
Doch die Wende bahnt sich bereits an. Beim Kommunistischen Arbeiterbund (KAB/ML), wo er Woche für Woche marxistische Schriften lesen soll, fühlt sich Sattelberger "zunehmend indoktriniert". 1971 leiten die Genossen ein internes Verfahren gegen ihn ein. "Ich war darüber nicht nur empört - ich war regelrecht entseelt", sagt er. Damals habe er seinen Glauben an die Sache verloren. Sattelbergers Revolte gegen die herrschenden Verhältnisse ist zu Ende. Er sucht neue Herausforderungen - und findet sie bei Daimler-Benz. "Konkreter Kapitalismus sah ganz anders aus, als ich gedacht hatte." Während der Ausbildung zum Betriebswirt habe er wahrscheinlich eine "Metamorphose" durchlebt, meint Sattelberger. Seine Talente als Revolutionär nutzt er nun für seine Karriere: die eiserne Selbstdisziplin, der Blick fürs Wesentliche, seine Energie, die Überzeugungskraft.
In der Wirtschaft hat Sattelberger heute einen klangvollen Namen. Seine Karriere führte ihn - stets im Personalbereich - von Daimler über MTU, Dasa und Lufthansa in den Vorstand des Reifenkonzerns Continental. Dort, schreibt die "FAZ", wird der "innovativste Personalführer in Deutschland" zum "Vollstrecker" in Personalsachen. Der Konzernbetriebsrat von Continental erinnert sich an einen Manager, der "nach alttestamentarischem Motto" gehandelt habe.
Der Telekom-Job, den er im Mai 2007 antritt, führt Sattelberger auch in die bundesweiten Schlagzeilen. Die Ausgliederung von 50000 Mitarbeitern provoziert wochenlange Streiks. Doch Sattelberger setzt sich durch. Inzwischen rumort es wegen des nächsten Personalabbaus bei Telekom.
Der Nürtinger Stadtrat Peter Rauscher, früher enger Gefährte von Sattelberger, ist ratlos. Wer einmal die Vergesellschaftung der Produktionsmittel gefordert habe, könne schwerlich auf der Chefetage eines Konzerns sitzen. "Der Mann macht heute unanständige Dinge", urteilt der Kabarettist Peter Grohmann, Urgestein der 68er in Stuttgart. "Einer Sache muss man nicht treu bleiben, aber der Grundüberzeugung."
Auch Hermann Schmitt hat beim Namen Sattelberger höchst widersprüchliche Gefühle. "Der schwäbische Kleingeist hat sich damals auf meine Kosten einen Vorteil verschafft", sagt er bissig. 1975 wurde Schmitt, der an der PH Ludwigsburg studierte, aufgrund des Radikalenerlasses der Eintritt in den beamteten Schuldienst verweigert. Man habe Zweifel an seiner Verfassungstreue, hatte ihm das Oberschulamt Stuttgart mitgeteilt. Dafür gebe es Beweise.
Schmitt glaubt, dass es Sattelberger war, der ihn damals beim Verfassungsschutz angeschwärzt hat. Derartige Gerüchte sind in Kreisen der Alt-68er öfter zu hören. Auf die konkrete Frage, ob die Gerüchte zuträfen, sagt Sattelberger unserer Zeitung: "Ich antworte mit einem klaren Nein. Verrat und Intrigen sind mir fremd."
Schmitt hat damals gegen die Nichteinstellung geklagt. Zwei Tage nach dem Gespräch in der Telekom-Zentrale findet unsere Redaktion die Akte im Staatsarchiv Ludwigsburg. Darunter ist ein Brief des Oberschulamts in dem steht, dass Schmitt 1972 von einem Zeugen als "Führungskraft" des KAB/ML bezeichnet worden sei. Der Name des Zeugen wird in dem Behördenschreiben explizit genannt: Thomas Sattelberger.
Schmitt, heute ein respektierter Künstler, will aus dem Fundstück "keine persönliche Sache" mehr machen. Der Fall, meint er, zeige für ihn lediglich exemplarisch "die Biegsamkeit von Haltung und die Widersprüchlichkeit des Tuns".
Ob Sattelberger für das Berufsverbot ausschlaggebend war und wie er Zeuge wurde, ist nicht abschließend zu klären, da es nie zum Prozess kommt. 1976 zieht Schmitt die Klage zurück und muss damit aufs Lehramt verzichten. Zu der Zeit ist Sattelberger bereits Ausbildungsleiter bei Daimler.