Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.10.2007
Ratatouille
Eine Reise zurück in goldene Zeiten
Handwerklich ist Pixar kaum zu schlagen. Seitdem das Studio 1995 mit "Toy Story" den ersten 3-D-computeranimierten Spielfilm ins Kino brachte, hat es seinen Look konsequent weiterentwickelt und nun den vielleicht prächtigsten, ausgereiftesten Animationsfilm bislang produziert: Wenn die kleine Ratte Remy, die unbedingt Koch werden möchte, mit Messern, Tiegeln und Besen durch die Küche eines Pariser Nobelrestaurant gejagt wird, ist alles in Bewegung, vor allem die virtuelle Kamera, die ohne die Beschränkungen des realen Raums immer mitten im Geschehen sein und jeden Blickwinkel einnehmen kann.
Pixars größter Trumpf waren immer die Stoffe, denn jede noch so brillante Animation ist nichts ohne eine gute Geschichte. Monster, die ihre Energie daraus schöpfen, Kinder im Schlaf zu erschrecken ("Die Monster AG", 2001), ein Fisch, der auf der Suche nach seinem Sohn verrückteste Ozean-Bewohner mit sehr menschlichen Zügen kennenlernt ("Findet Nemo", 2003), Superhelden, deren Dienste nicht mehr erwünscht sind, weil sie bei der Verbrechensbekämpfung zu viel Schaden anrichten ("Die Unglaublichen, 2004): Pixar-Abenteuer waren befeuert durch einen schrägen, anarchistischen Humor und hatten eine satirische Metaebene.
Nach einigem Gerangel ist Pixar nun Teil des Disney-Konzerns, und das zeigt Wirkung. "Ratatouille" wirkt, vergleichbar mit "Cars" (2006), wie eine Reise weit zurück in die goldenen Zeiten, in denen Disney allein die Trickfilm-Maßstäbe setzte. Ein Außenseiter (die Ratte Remy) träumt von Unerreichbarem (Koch werden) und lässt sich nicht beirren, allen Widerständen zum Trotz. Im Gournet-Restaurant seines verstorbenen Idols Gusteau freundet er sich mit einem ungelenken Küchengehilfen an, dessen Bewegungen am Herd er bald unter der Kochmütze sitzend dirigiert. Der böse Geschäftsführer aber möchte sich nicht nur das Restaurant unter den Nagel reißen, sondern auch Gusteaus Philosophie verraten.
Dramaturgie, Inszenierung und Ensemble sind stimmig und ausbalacniert wie aus dem Lehrbuch. Der Film ist spannend, strotzt vor freundlichem Witz (Remys dicker Bruder hat gar keinen Geschmack und isst jeden Müll) und hat rührende Momente zu bieten.
Der Restaurantkritiker Ego hat das Zeug zur Kultfigur
Remy ist ein ausgesprochen liebenswerter Held mit geschmeidiger, facettenreicher und putziger Gestik und Mimik, und der gefürchtete Restaurantkritiker Anton Ego wird zweifellos zur Kultfigur des Animationsfilms avancieren.
Die Konkurrenz braucht all das nicht zu schrecken: Künstlerisch betrachtet ist "Ratatouille" ein konventioneller, familienfreundlicher Rückschritt. Pixar hat das Feld der schrägen, radikalen Figuren und ironischen Zwischentöne geräumt und den Machern von "Shrek" und "Ab durch die Hecke" (beide Dreamworks) oder "Happy Feet" (Warner) überlassen - sich in gewisser Hinsicht also selbst geschlagen.
Bernd Haasis
04.10.2007 - aktualisiert: 04.10.2007 15:20 Uhr