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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 11.10.2007

Sicko

Kranke Versicherung

Eine Mutter erzählt unter Tränen, wie ihre Tochter starb, weil sie in einem Krankenhaus landete, das keinen Vertrag mit der Krankenversicherung hatte - und bis sie ins nächste gelangte, war das Kind tot. Eine Witwe berichtet, wie ihr Mann starb, weil die Krankenversicherung sich weigerte, die Behandlung zu bezahlen - genau wie bei der Frau mit dem Hirntumor, der die notwendigen Leistungen verweigert wurden, weil sie bei Antragstellung bei der Versicherung eine Pilzerkrankung nicht angegeben hatte.

Was Michael Moore ("Fahrenheit 9/11") über das US-Gesundheitswesen herausgefunden hat, ist katastrophal. Er hat viele Zeugen, darunter eine Ärztin, die jahrelang für eine Versicherung wider besseres Wissen die Behandlungsanträge von zum Teil Schwerkranken ablehnte - eine "übliche Praxis", die sie irgendwann nicht mehr aushielt und an die Öffentlichkeit trug. Die menschenfeindlichen Versicherer tragen zynischerweise Namen wie "Humana", und Moore zieht das sozial ausgewogene französische Gesundheitssystem als Vergleich heran.

Manipulation macht Wahres nicht weniger wahr

Als Höhepunkt hat sich Moore ein Schelmenstück ausgedacht, für das die Lobbyisten des kranken Systems in den USA und diesem zugetane Politiker ihn hassen werden: Er schwingt sich zum Anwalt von freiwilligen Helfern nach dem 11. September 2001 auf, die in den Trümmern Menschen bargen und nun mit den gesundheitlichen Spätfolgen - Staublunge, kaputtes Kreuz, kaputte Zähne - alleingelassen werden. Auf der Suche nach medizinischer Versorgung landet er ausgerechnet beim Erzfeind im sozialistischen Kuba, wo Medikamente viel billiger sind und jeder Bedürftige im Krankenhaus selbstverständlich kostenfrei behandelt wird.

Michael Moore ist der unverschämteste Propagandist der Gegenwart, er inszeniert brutal, schwarzhumorig und ohne streng dokumentarischen Anspruch - viel eher agiert er wie ein politischer Kabarettist, und seine Kernbotschaft wird durch manipulative Bilder und suggestive Fragen nicht weniger wahr. Gerade in Deutschland lohnt es sich, diesen Film genau anzuschauen, denn auch hier gibt es Bestrebungen, das Gesundheitswesen von einer solidarischen gesellschaftlichen Aufgabe in einen Markt nach US-Vorbild zu überführen, auf dem Patienten Kunden sein und Konzerne Milliarden verdienen sollen.
 

Bernd Haasis

11.10.2007 - aktualisiert: 11.10.2007 10:14 Uhr