Weiterbildung in der virtuellen Welt: Second Life als Lernplattform mit Erlebnischarakter
Stuttgart - An der Volkshochschule (VHS) Goslar herrscht reger Betrieb: Die Besucher interessieren sich nicht nur für die Kurse, sie wollen auch Kontakte knüpfen. Platz hat es genug, ob in der Halle oder im Garten, wo an einem magischen Tisch nie die Stühle ausgehen. Man sollte sich aber nicht wundern, wenn sich die VHS-Ansprechpartnerin Tiz Kohime erst in ein Pferd, dann in einen Drachen und wieder zurück verwandelt oder sich zur Abwechslung Flügel wachsen lässt.
Je nachdem, wie gut man die Scriptsprache in Second Life (SL) beherrscht, kann man seiner virtuellen Figur jede Form geben, die man will. Da sich viele Einwohner (also alle, die einen Avatar besitzen) noch nicht damit auskennen, gehört Scripten zum VHS-Kursangebot.
Ungezwungenes und anonymes LernenEs ist aber völlig unerheblich, wie der Avatar aussieht - wichtig ist der Mensch dahinter. Das trifft vor allem auf das Lernen zu. Im Bereich Bildung ist Second Life nichts anderes als eine 3-D-Lernplattform mit Erlebnischarakter. Da können klassische Lernprogramme nicht mithalten, auch wenn sich die Anbieter bei der Gestaltung der Oberfläche alle Mühe geben und sich so nah wie möglich an der realen Schulungs- und Besprechungssituation orientieren.
Auch die VHS Goslar hat es zuerst mit einem klassischen Lernmanagementsystem (LMS) probiert, jedoch ohne Erfolg: "Wenn bei uns jemand E-Learning hört, ist die Hemmschwelle groß", erklärt Christine Fischer, zuständig für die Umsetzung neuer Medienkonzepte. Obwohl man sich auch in Second Life einarbeiten muss, gilt die virtuelle Welt als leichter zugänglich.
"Viele sehen Second Life als Spiel", so Fischer, "der große Vorteil liegt darin, dass alle ganz ungezwungen und anonym daran teilnehmen können." An der VHS lernt man nicht nur, wie man Häuser, Stühle und Kleider für seinen Avatar baut, sondern auch ganz reale Themen, etwa Fremdsprachen, Ägyptologie oder Kochen. Der große Vorteil: "An unserem Kurs Deutsch für Ausländer können Lernende in ihrem Heimatland teilnehmen, noch bevor sie nach Deutschland kommen", sagt Fischer.
Noch spannender wird es, wenn Hochschulen Dependancen in der Parallelwelt eröffnen. Auf der Insel der Landesvertretung Baden-Württemberg beispielsweise findet man die Uni Ulm mit einem virtuellen Hörsaal. Der Student Stefan Wikinger hat ihn programmiert und reicht ihn demnächst als Bachelorarbeit ein: "Ziel war es, zu erfahren, was in Second Life überhaupt realisierbar ist." Der Plan sieht vor, mittelfristig die Ingenieurwissenschaften und langfristig die gesamte Hochschule dort abzubilden.
Auch die Uni Freiburg ist virtuell vertreten. Zwar können sich die Teilnehmer täglich sehen, aber zurzeit halten sich 20 bis 30 Studierende im Hauptstudium hier auf. Wer keine Zeit hat, kann sich die Ringvorlesungen später als Aufzeichnung anschauen. "Wir sehen Second Life als Erprobungsgelände", sagt der Avatar Justus Beerbaum, der im wirklichen Leben Veit Strasser heißt und bei der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) arbeitet. "Lernen in Second Life bringt aber nur etwas, wenn die Hochschulen sich dort nicht nur präsentieren, sondern auch untereinander kooperieren", betont er. Umständlich war bisher nur die Kommunikation, denn die fand hauptsächlich per Chat statt. Doch die Lücke zwischen realer und virtueller Lernwelt wird kleiner. Inzwischen können sich die SL-Einwohner mit einem Headset und der entsprechenden Audiosoftware, zum Beispiel Teamspeak oder SL Voice, live unterhalten und sich aktiv am Unterricht beteiligen. "Wenn Aufgaben gestellt werden, bevorzugen die Teilnehmer aber nach wie vor die Schriftform", weiß Fischer, "denn dann können sie besser über die Antworten nachdenken und die Vorschläge der anderen nachlesen."
Je ausgefeilter die Technik, desto leichter lässt sich das Lernen organisieren: "Man kann Materialien auspacken, wieder wegpacken und Seminare ,out of the Box' halten", erklärt Ralph Müller, der im Team unter der Leitung von Professor Horst Stöcker der Goethe-Universität Frankfurt gerade den Medida Prix 2007 gewonnen hat für das Projekt "megadigitale - mediengestütztes Arbeiten zum Lernen und Lehren". Fischer von der VHS bestätigt: "In Second Life kann man schnell mal eine Stunde Kurs machen. Das ist im echten Leben gar nicht oder nur mit großem Aufwand für Dozenten und Teilnehmer möglich."
Dass auch die virtuelle Seminarwelt mit ganz realen Problemen zu kämpfen hat, zeigt der Blog der Uni Bielefeld. Deren Lernraum musste umziehen, da durch die kurzen Reichweiten innerhalb der Insel sowohl die Chat- als auch die Audiokommunikation aus den Kursen im ganzen Gebäude verfolgt werden konnten. Damit kamen sich die Besucher am Infopunkt mit den Lernenden ungewollt in die Quere. Künftig lernen die Teilnehmer in einer Skybox, einer fliegenden Insel rund 400 Meter über dem Meeresspiegel, wo sie vor unfreiwilligen und ungebetenen Zuhörern sicher sind.
Seminare in einer 3-D-UmgebungDurch die Ausgestaltung der Räumlichkeiten, die grafische Darstellung von Aufgaben und Lösungen sowie die Organisation des Unterrichts kommen auf Dozenten, Tutoren und Moderatoren ganz neue Aufgaben zu: "Seminare in einer 3-D-Umgebung bedeuten eine riesige Umstellung", so Fischer, "Powerpointfolien will man da nicht sehen." Doch nachdem sich die Lehrkräfte gerade erst mit E-Learning angefreundet haben, tun sie sich noch schwer, ihre Materialien so umzustricken, dass sie in eine virtuelle Welt passen. Das heißt, um die Lerner bei der Stange zu halten, muss ein Großteil der technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.
Die VHS beispielsweise wirft nicht einfach Hieroglyphen auf den Bildschirm, sondern erstellt eine 3-D-Nachbildung der Kultstätte, wo die Schriftzeichen gefunden wurden. Auch Mathematikaufgaben müssen nicht dröge sein. Man kann zum Beispiel den Avatar bei jeder richtigen Lösung auf eine andere Ebene teleportieren.
Christine Fischer bemängelt, dass sich viele SL-Akademien fantasielos zeigen und sich zu sehr an der realen Welt orientieren - mit Hörsälen und Sitzplätzen: "Das reale Leben nachzubilden ist unpraktisch und ungeeignet."