Doppelpass mit dem Boulevard: Regierungschef gibt dem Druck der „Bild“-Zeitung nach
Stuttgart - Am Ende passte die Botschaft in wenige Sätze. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und seine Frau Inken haben am Montag mit einer kurzen Mitteilung ihre Trennung bekanntgegeben. Am Ende war der Druck immer größer geworden - vor allem durch die "Bild"-Zeitung.
Montag, 9 Uhr. In der Stuttgarter Regierungszentrale hat die neue Arbeitswoche begonnen. Mittendrin der Ministerpräsident. Er hat Spitzenvertreter von Städten, Kommunen und Landkreisen zur Diskussion über den Ausbau der Kinderbetreuung eingeladen. Während sich die Türen schließen und der Regierungschef - mit tiefen Augenrändern - seine Arbeit aufnimmt, gibt es auf den Gängen nur ein Thema: die Ankündigung des Paares via "Bild"-Zeitung, sich zu trennen. "Die haben dem Chef doch das Messer auf die Brust gesetzt", meint einer. Was das heißen könnte? "Bild" soll gedroht haben, die Ehe-Probleme öffentlich zu machen. So viel ist klar: In der vergangenen Woche soll es ein Telefonat zwischen "Bild"-Chef Kai Diekmann und der Regierungszentrale gegeben haben.
Es war jene Phase, als Inken Oettinger den traditionellen Adventskaffee in der Berliner Landesvertretung unerwartet ausfallen ließ und "Bild" den Affront thematisierte. Da hatte sich der Anfang vom Ende abgezeichnet. "Die Einschläge kommen näher", orakelte ein Insider. Monatelang hatte es in Partei, Regierung und Wirtschaft immer wieder Gerüchte um den schlechten Zustand der Ehe gegeben, aber nie eine Bestätigung. Schon vor der Landtagswahl 2006 waren erste Trennungsgerüchte laut geworden. Aber Oettingers Berater gingen damals zur Wahrung der Wahlchancen in die Offensive: Die "Bunte" erhielt eine Home-Story - wohlgemerkt nicht in den eigenen vier Wänden, sondern im Staatsministerium. Vielsagender Titel: "Eine Familie im Glück".
Allein, die Gerüchte mochten auch danach nicht verstummen. Mal hieß es, die First Lady sei aus der Dienstvilla auf der Solitude bereits ausgezogen. Ein anderes Mal wurde berichtet, sie habe bereits einen anderen Partner. Die Rede war von einem Textilunternehmer aus Schwaben, später wurde über einen Arzt aus Freiburg spekuliert. Immer wieder gab’s Dementis und merkwürdige Harmoniebekundungen. Jüngster Beleg: Als Oettinger im Oktober bei Promi-Koch Jörg Mink in Stuttgart seinen 54. Geburtstag feierte, wunderte sich die handverlesene Gästeschar, warum plötzlich ein Fotograf von "Bild" auftauchte. Die Botschaft des (bestellten) Bildes am nächsten Tag war klar: Seht her, es ist doch alles in Ordnung.
Manchmal freilich können auch Bilder täuschen. Als "Bild" vergangenen Freitag mit der Schlagzeile "Deutschlands seltsamstes Politiker-Ehepaar" die zunehmende Entfremdung der Oettingers thematisierte und eine Parallele zu den Sarkozys zog, wurde der Druck auf Oettinger immer größer. Freunde des Paares hatten schon lange vor diesem Moment des Gedrängtwerdens gewarnt, hatten an beide appelliert, sie sollten endlich mal für einige Tage allein in Urlaub fahren und sich Zeit für ein Gespräch nehmen. Aber die Lage wurde zunehmend aussichtslos. Inken Oettinger plauderte bereits im Sommer beim Wandern mit Freunden in Lech offen über die Unzufriedenheit in ihrer Ehe. Da glaubte ihr Mann noch an die Rettung. Ratschläge freilich verbat er sich. "Wenn man ihn auf das Thema anspricht, macht er sofort zu", berichtete jüngst erneut ein enger Freund.
Zu diesem Zeitpunkt war offensichtlich, dass beide in ihrer 13-jährigen Ehe mehr und mehr ein ungleiches Paar geworden sind. Hier der gelernte Anwalt, der seine spätere Frau zu Zeiten der Jungen Union kennenlernte, ein Arbeitstier mit Terminen von morgens um sieben bis nachts um zwölf, ein Mann, der in gemütlicher Runde lange sitzt und mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt. Dort die gelernte Modedesignerin (41) aus gutem Stuttgarter Haus, die sich im Gegensatz zu Edeltraud Teufel nie mit dem Image der Landesmutter abgeben mochte, sondern ihr eigenes Leben leben wollte: eine kleine Familie haben, sich mit Freunden treffen, Shoppen und Tanzen gehen, im Fidel-Castro-Look zu einer halböffentlichen Geburtstagsparty kommen. Die Repräsentationspflichten an der Seite ihres Mannes jedenfalls wollte sie auf ein Minimum reduziert sehen. "Sie hat sich in dieser Rolle nie wirklich wohlgefühlt", sagt ein Weggefährte. Der einzig noch verbindende Punkt war der gemeinsame Sohn Alexander (9).
Indes, so sehr Oettinger um den Erhalt seiner Ehe kämpfte, so oft er behauptete, seine Frau würde spätabends auf ihn mit Käse und Rotwein warten, so sehr wirkte das verzwungen. Inken Oettinger erschien bei öffentlichen Terminen - wie zuletzt bei der Landespressegala - immer öfter gelangweilt. Wie sich nun herausstellt, hatte "Bild" seit Monaten dem Ministerpräsidenten angeboten, seine privaten Dinge über den Boulevard zu regeln. Vergeblich. Dann aber kam es zum Debakel um den Adventskaffee. Die überraschende Absage war offenbar ein Warnruf der First Lady an ihren Mann, so nicht weiterleben zu wollen - und eine Steilvorlage für "Bild". In Berlin wird kolportiert, der Springer-Konzern habe für diese Woche mit der Veröffentlichung von Details aus dem Privatleben des Paares gedroht. Das aber wollten sich die Oettingers ersparen. Am Sonntag kam es zum klärenden Gespräch. Das Ergebnis erhielt "Bild". Titelseite am Montag: "Ehe kaputt", dazu fast die komplette Seite 2. Was auffällt: Nicht beide kommen darin zu Wort, nur der Ministerpräsident darf die Trennung begründen: "Meine Frau war zunehmend unglücklich mit der Belastung, die durch Termine und Öffentlichkeit entstanden ist."
Ob das Thema damit eine reine Privatsache wird? "Es herrscht eine gewisse Ungläubigkeit, ob da noch was nachkommt", meint ein CDU-Vorstandsmitglied. Oettinger selbst wollte sich am Montag nicht näher dazu äußern. Auf die Frage, inwieweit er von "Bild" getrieben wurde, meinte er nur: "Das werde ich später mal beantworten."
Frank Krause, StN