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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.12.2007

Tödliche Versprechen

Am liebsten schlitzen sie mit Messern

Gewalt hat immer eine Rolle gespielt in den Filmen des kanadischen Regisseurs David Cronenberg. Zuletzt, in "A History of Violence", erzählte er von einem untergetauchten Mobster, der jahrelang friedlich als Kaffeebesitzer in der US-Provinz mit Frau und Kindern gelebt hat, als alte "Kollegen" ihn wiederfinden und zurückzwingen wollen ins beinharte Geschäft um Leben und Tod.

Viggo Mortensen, als kommender König im "Herrn der Ringe" eher bedächtig, bewies schon damals, wie überzeugend er als explosiver Killer wider Willen sein kann. Nun steigt er erneut für Cronenberg in den Ring, diesmal als Mitglied der russischen Mafia in London. Mortensen gibt einen Leibwächter, der auf den degenerierten Sohn eines großen Bosses aufpasst und diesen davon abhält, allzu große Dummheiten zu machen. Als in einer Klinik ein verängstigtes russisches Mädchen stirbt, das ein Baby hinterlässt, fahndet die behandelnde Ärztin nach Angehörigen. Sie landet in einem Lokal der Mafia, deren Kreise sie zu stören beginnt, ohne es zunächst zu ahnen. Weil sie nicht lockerlässt, geraten sie selbst und das Baby in Gefahr, und bald verschwimmen Fronten, die zu Anfang ganz klar zu sein schienen.

Cronenberg zeigt eine Welt, in der Menschen entweder Raubtiere sind oder Beute, in der es noch erbarmungsloser zugeht als bei der italo-amerikanischen Mafia, in der selbst das Leben eines Babys nichts gilt. Archaisch muten diese Mobster an, mit ihren Tätowierungen, die den Rang in der Hierarchie anzeigen, mit ihrem Pomp, ihren Traditionen, ihrer schwere Seele und ihrer rohen Gewalttätigkeit. Da wird nicht lang gefackelt, wer Fehler macht, ist erledigt. Am liebsten schlitzen sie mit Messern, als zähle ein Mord mehr, wenn möglichst viel Blut des Opfers tatsächlich vergossen wird.

Die Leinwand ist erfüllt von männlicher Aggressivität

Als ganzkörpertätowiertes Muskelpaket mit kantigen Zügen ist Viggo Mortensen auch in diesem dunklen Reich ein Monarch im Wartestand, der seiner Chance harrt. Naomi Watts repräsentiert als Ärztin uns Normalbürger, die wir nicht fassen können, welch zynische Menschenverachtung die Mob-Maschine antreibt. Armin Mueller-Stahl als Mafia-Boss verkörpert nach außen den sanften, verständnisvollen Vater mit gütigen Augen, regiert nach innen aber mit eiserner Faust und steuert seinen Clan vor allem durch virtuoses Variieren seines Tonfalls und seines Blicks - ständig schwankend zwischen einem jovialen Gastgeber und einem zornbebenden Rachegott.

Eine Szene, in der Mortensen in der Sauna nackt von zwei hinterhältigen Mördern attackiert wird, zählt zum Spektakulärsten, was Cronenberg je gedreht hat: Die Leinwand ist erfüllt von zerstörerischer männlicher Körperlichkeit, von Testosteron, von Aggressivität und Nähe, vom Flirren kleiner, krummer Klingen, die böse Verletzungen erzeugen. Wie authentisch Cronenbergs Darstellung ist, lässt sich schwer nachprüfen; dass er sie so plausibel erscheinen lässt, macht seinen Film so außergewöhnlich - und so beängstigend, dass er zarten Gemütern keinesfalls zu empfehlen ist.
 

Bernd Haasis

27.12.2007 - aktualisiert: 27.12.2007 11:41 Uhr

 


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