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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.01.2008

Darjeeling Limited

Amerikaner auf Sinnsuche in Indien

Es beginnt mit einem der kürzesten Auftritte der Filmgeschichte: Bill Murray sitzt in einem hurtigen indischen Taxi, gewohnt ausdruckslos und doch sichtlich nervös. Sekunden zu spät erreicht er den Bahnhof, verpasst den Zug und den Rest des Films.

Solche Absurditäten sind eine Spezialität von Wes Anderson (38), Regie-Wunderkind im Wartestand aufs erste Meisterwerk. Die Familien-Tragikomödie "The Royal Tenenbaums" (2001) war ein Anfang, "The Sea Aquatic" (2004) sinnfreier Ulk. Hinter "Darjeeling Limited" steckt wieder ein ernstes Drama, das Anderson betont unernst erzählt wissen möchte - er praktiziert das permanente Augenzwinkern des abgeklärten Zitierers, der sich etwa auf Jean Renoirs indisches Film-Poem "The River" (1951) bezieht.

Drei entfremdete Brüder wollen sich im Zug durch Indien wiederfinden, der dominante Francis (Owen Wilson), nach einem Unfall am Kopf bandagiert, der einsilbige Peter (Adrien Brody), der sich Dinge des toten Vaters angeeignet hat, der desorientierte Jack (Jason Schwartzman), der spontan mit der Zugbegleiterin schläft. Anderson umschmeichelt die Farben Indiens, die ihm doch nur als Folie dienen für drei Exzentriker, die permanent rauchen, trinken, Medikamente nehmen. Ihre angestrengte Sinnsuche auf den Spuren der Beatles und anderer (Augenzwinkern) führt ins Nichts - bis sich der Zug verfährt und sie anfangen loszulassen.

Den Figuren fehlt die Bodenhaftung

Bald nerven die Brüder nicht nur den Zugschaffner, denn sie sind stark überkonstruiert und haben dafür nicht die richtige Bühne. Der haarsträubenden Komödie eines Billy Wilder oder Blake Edwards verweigert sich Anderson, der gerne alles und jeden ironisiert; er lässt Witze mit Potenzial verpuffen, hält sich nicht an die Regeln des Timings und verschenkt Pointen, etwa bei einem schamanischen Ritual, das das Trio mit Ansage vergeigt. Für den lakonischen Witz eines Kaurismäki oder Jarmusch aber fehlt den Figuren die Bodenhaftung. In "Der Mann ohne Vergangenheit" taucht ein verschollen geglaubter Mann wieder bei seiner Frau auf und sieht sich mit einem Neuen konfrontiert. Wortlos gehen die beiden nach draußen - um wortlos eine Zigarette zu rauchen. Kaurismäki braucht keine Sprache, um alles zu sagen; Andersons Figuren wirken geschwätzig, ohne zu berühren.

Es gibt wenig zu lachen und wenig zu leiden, und das exzellente Ensemble mit Anjelica Huston als treuloser Mutter beißt sich die Zähne aus. Bill Murray, hätte er den Film nicht verpasst, wäre es kaum anders ergangen. Die indische Zugbegleiterin aber, eine wirklich komische Figur mit realen Problemen, die sich vor dem strengen Schaffner abseilt, um zu rauchen oder Sex zu haben, lässt Anderson abrupt verschwinden. Vielleicht war sie ihm zu lebensecht. Und zu wenig ironisch.
 

Bernd Haasis

03.01.2008 - aktualisiert: 03.01.2008 10:05 Uhr

 


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