Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.01.2008
My Blueberry Nights
Staunen über Nordamerikas Magie
Die Kamera umschmeichelt das kleine Café, als könne sie ihr Glück kaum fassen, diese stille Insel inmitten des urbanen Dampfkochtopfs New York gefunden zu haben. Sie sucht immer neue Ansichten, kostet jede Stimmung aus, jedes Detail. Und sie begleitet die beiden verletzlichen Seelen, die das Café erfüllen und einander behutsam abtasten. Diese Kamera nimmt nicht einfach auf, was sowieso da ist, sie bildet nicht ab, sondern erschafft: Ohne ihren Blick, ohne ihre rastlose Suche im nachtfarbenen Blau könnte weder dieser Ort existieren noch die beiden Menschen.
Noch ahnen sie nicht, dass einer möglichen gemeinsamen Zukunft eine Prüfung vorausgeht. Jeremy ist ein Lebenskünstler im Wartestand, der in seinem Café unverdrossen Blaubeerkuchen anbietet, obwohl ihn kaum jemand isst; Elizabeth aber, die im Café Schutz sucht, wünscht sich nichts sehnlicher, als aus dem emotionalen Schützengraben zu entfliehen, in den eine üble Trennung sie geführt hat. Und dazu muss sie die Stadt verlassen. Als ihr der Schritt gelingt, lässt sie sich durch die USA treiben, und bald wird klar: Sie ist kaum mehr als eine Platzhalterin für Regisseur Wong Kar-Wei selbst, der Nordamerika mit der Kamera bereist hat und der Magie des Kontinents erlegen ist - wie vor ihm Kollegen wie Michelangelo Antonioni, Wim Wenders und Ang Lee.
Mit demselben Blick, mit dem er in Hongkong atemberaubende Filmgemälde wie "Chunking Express" und "In The Mood For Love" zum Fließen gebracht hat, wird er nun in einer Südstaatenbar Zeuge des tragischen Rosenkriegs zwischen einem trunksüchtig gewordenen Polizisten und seiner aufreizend sich mit Angebern herumtreibenden Frau - ein grandioses Mikrodrama, das Rachel Weisz und David Straithairn fömlich zum Explodieren bringen. In Nevada heftet er sich an die Fersen einer überdrehten Spielerin auf der Flucht vor sich selbst, der Natalie Portman eine Maske gut einstudierter Souveränität aufsetzt, weil sie in Wahrheit nicht verlieren kann.
Die Geschichte bleibt eine Behauptung
Die Protagonistin Elizabeth kommt in diesen Epsioden kaum über die Rolle einer staunenden Beobachterin hinaus - nicht nur wegen des sparsamen Scripts, sondern auch weil die reizende Popsängerin Norah Jones in ihrem Spielfilmdebüt neben den erfahrenen Kolleginnen nahezu unsichtbar wird.
Für Jude Law, der aus der Rolle des verliebten Jeremy mehr zu machen sucht, als sie hergibt, bleibt nach der gelungenen Eröffnung kaum mehr, als ihr hinterherzutelefonieren.
Wong Kar-Wai versteht es, innere Untiefen offenzulegen, in denen Liebende sich finden und verfangen; die nach außen gekehrte Reise zum Zwecke der Selbstfindung hingegen bleibt eine unvollendete Behauptung, die im Kontrast steht zu dem Bilderrausch, den er auch ohne seinen bisherigen Kameramann Christopher Doyle auf die Leinwand gezaubert hat. Diesem Zauber dennoch zu erliegen ist durchaus keine Schande.
Bernd Haasis
24.01.2008 - aktualisiert: 24.01.2008 12:48 Uhr