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Gefühl der Unzugehörigkeit

Peter Weiss' "Inferno" uraufgeführt

Sebastian Kreutz liegt als Dante am Boden
Foto: dpa

Karlsruhe -­ Am Schluss des Stückes steht ein an sich und der Welt verzweifelnder Dichter. Der aus dem Exil zurückgekehrte Dante zieht die letzte Konsequenz: "Ich sage mich für immer von euch los."

Für die Bewohner der Stadt, die ihn einst ausstießen, geht das Leben aber ohne Gewissensbisse weiter: "Wir machen alle mit." Fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, 26 Jahre nach dem Tod des Autors, erlebte Peter Weiss Theaterstück "Inferno" am Samstagabend im Badischen Staatstheater seine Uraufführung. "Inferno" thematisiert den "ewigen Emigranten". Das Premierenpublikum reagierte mit langanhaltendem Beifall auf einen spannenden Theaterabend.

Der Maler, Filmemacher und Dichter Peter Weiss (1916-1982) gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatikern. Zu einem sensationellen Welterfolg wurde sein 1964 am Berliner Schillertheater uraufgeführtes Stück mit dem berühmt-berüchtigt langen Titel "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade". Sein Oratorium "Die Ermittlung" (1965) dokumentierte den Auschwitz-Prozess. Für Irritation sorgte Weiss Bekenntnis zum Sozialismus und seine Sympathie für die DDR, von deren realen Zuständen er sich später allerdings distanzierte.

"Inferno" sollte ursprünglich zusammen mit der "Ermittlung" Teil einer sich an Dantes "Divina Commedia" orientierenden Trilogie werden. Der Plan zerschlug sich. Auch Weiss Lektor beim Suhrkamp Verlag sah das Projekt mit Skepsis. Das Manuskript verschwand im Archiv. Erst 2003 wurde es aus dem Nachlass gedruckt ­ ohne große Resonanz in der Literaturszene. Der junge Komponist Johannes Kalitzke verarbeitete "Inferno" zu einer Oper. Das Badische Staatstheater kann sich jetzt das Verdienst der Uraufführung des Dramas sichern.

Der Text spiegelt Weiss autobiografische Erfahrungen: Der in der Nähe Berlins geborene Autor musste 1935 vor den Nazis nach England emigrieren. Seit 1938 lebte und arbeitete er in Schweden. "Inferno" spiegelt seine Erfahrungen bei der Rückkehr nach Deutschland in den frühen 1960er Jahren. Für den "ewigen Emigranten" war dies eine traumatische Erfahrung: die Begegnung mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder und einem Staat, dessen Bewohner "lachend über gepflegte Plätze gingen, auf denen gestern noch die Scheiterhaufen brannten". Weiss Gefühl der "Unzugehörigkeit" prägt auch die Situation für den einst exilierten Dichter Dante.

Dass die Uraufführung zu einem unangefochtenen Publikumserfolg wurde, lag vor allem an der Inszenierung von Thomas Krupa. Die für Peter Weiss typische Mischung aus Kasperletheater, frei rhythmisierten pathetischen Passagen, Knittelversen und scheinbar dilettantischen Reimen wurde vom Karlsruher Ensemble mit sprachlicher Virtuosität umgesetzt. Sebastian Kreutz als Dante, Stefan Viering (Vergil), Annika Martens (Beatrice) und Timo Tank als "Chef" agierten mit äußerstem Engagement. Die sechs "Figuren" des Chores machten aus den verqueren Texten fast musikalische Kabinettstücke. Valerie von Stillfrieds sparsame Ausstattung führte ein stilsicheres 1960er Jahre Ambiente vor. Und Mark Polschers Musik sorgte für wirkungsvolle Hörspielstimmung.
 

dpa

27.01.2008 - aktualisiert: 27.01.2008 15:10 Uhr

 



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