Ravensburg - Was den Augsburgern die Fugger, sind den Ravensburgern die Humpis. Keine Familie hat die oberschwäbische Stadt so geprägt wie sie. Über sechs Generationen haben die Humpis eines der bedeutendsten europäischen Handelsunternehmen des Spätmittelalters geschaffen und in der Oberstadt repräsentative Handels- und Wohnräume gebaut. Das Humpisquartier wird nun zu einem Museum, in dem Stadtgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart erlebt werden kann.
"Gott verschone uns vor den Kosten!" So reagierten Gemeinderäte Anfang der 1980er-Jahre auf die Museumsidee. Man wusste zwar längst, dass sich in dem aus sieben Patrizierhäusern bestehenden Ensemble weit mehr verbarg als "altes Gelump", den Mut zum großen Wurf fassten die Stadtväter erst, nachdem sich Landesstiftung, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Denkmalstiftung Baden-Württemberg, Landesdenkmalamt und Stadtsanierung Baden-Württemberg zur finanziellen Förderung bereiterklärt hatten.
Beim Startschuss für die Sanierung des Humpisquartiers 2005 wurden die Kosten auf 14,6 Millionen Euro beziffert. Die Hälfte davon bringt die Stadt auf. Oberbürgermeister Hermann Vogler ist zuversichtlich, dass bis zur Eröffnung des Museums im Sommer 2009 nicht mehr Geld verbraucht wird, obwohl die Sanierer beinahe täglich aufs Neue von Funden überrascht werden.
So kam in einem der Häuser, das zuletzt als Pension genutzt wurde und das als Herzstück des Ensembles gilt, eine vollständig erhaltene und reich verzierte Holzbohlendecke zum Vorschein. Bei den repräsentativen Räumen handelt es sich um die Wohn- und Schlafgemächer der Familie Humpis. Original erhalten sind auch die Fußböden aus Holzdielen und Terrakotta, importiert aus Oberitalien. Am Erker befindet sich auch das Wappen der Familie: drei springende und zähnefletschende Hunde. Nach Darstellung von Stadtarchivar Andreas Schmauder bezieht sich der ursprüngliche Name "Huntpis" wahrscheinlich auf einen bissigen Hund, der die Namensträger als aggressive und daher erfolgreiche Kaufleute charakterisiert.
Die Fernhandelsgesellschaft der Humpis wurde um 1380 gegründet. Anfangs diente sie vor allem der Vermarktung des heimischen Tuchs. Als 1402 in Ravensburg eine der ersten Papiermühlen nördlich der Alpen errichtet wurde, kam ein weiteres Eigenprodukt dazu; ebenso handelten die Humpis mit Gewürzen aus dem Orient, Wein und Öl aus dem Mittelmeerraum oder Erzen aus Osteuropa. Von 1298 bis 1530 stellte die Familie 77 Mal den Bürgermeister.
Die um einen Innenhof gruppierten Häuser in bester Lage sind zwischen 1380 und 1508 entstanden. Sie gingen nach dem Niedergang des Humpis-Imperiums in den Besitz von Handwerkern und Händlern über. Die wechselnden Besitzverhältnisse spiegeln sich in zahlreichen Umbauten des 16. bis 20. Jahrhunderts wider. Sie griffen zwar in die bauliche und archäologische Substanz ein, zerstörten sie jedoch nicht.
Das Museum selbst soll keine "gehobene Möbelausstellung" werden, sagt der Stadtarchivar. Vielmehr seien die Gebäude selbst die besten Exponate. Eines ist bereits von der örtlichen Museumsgesellschaft in Eigenregie renoviert und steht der Arbeit mit Schulklassen zur Verfügung. Im Kellergewölbe soll anschaulich das hohe Mittelalter vorgestellt werden, beispielsweise das Gerberhandwerk. Im ersten Stockwerk wollen die Museumsmacher in den repräsentativen Räumen Leben und Wirken der Patrizier lebendig werden lassen, samt ihrer Macht in Ravensburg.
Der Bogen in die Gegenwart wird durch den Originaleinbau des Frühstückszimmers geschlagen, wie es jüngst noch in der Pension mit Blümchentapeten, Linoleumfußboden und kleinen Tischchen zu besichtigen war. Zentrum des neuen Stadtmuseums ist der Innenhof. Für ihn wurde eine Glasdachkonstruktion entwickelt, die eine ganzjährige Nutzung des Hofs für Ausstellungen und Veranstaltungen gestattet.