Schüler verbringen immer mehr Zeit in ihrer Klasse Foto: dpa
Ministerpräsident Oettinger überholt seinen Kultusminister mit Reformvorschlag
Stuttgart – Der Vorstoß von Ministerpräsident Günther Oettinger zu einer Reform des achtjährigen Gymnasiums kam am Mittwoch überraschend. Noch am Tag zuvor hatte das Kultusministerium erklärt, eine grundlegende Reform sei nicht vorgesehen, es werde aber „runde Tische“ geben.
Zwischen März und Mai werde man mit Lehrern, Eltern und Schülern über die einzelnen Fächer sprechen, hieß es noch am Dienstag von Seiten des Kultusministeriums. Bei diesem „Erfahrungsaustausch“ sollten gelungene Beispiele vorgestellt, aber auch Probleme aufgedeckt werden. Im Übrigen, teilte das Ministerium mit, habe man den Gymnasien längst empfohlen, dass die Fünft- und Sechstklässler nicht mehr als 32 Stunden wöchentlich erhalten sollten.
Doch keine 24 Stunden später war die Mitteilung Makulatur. Oettinger machte vor dem politischen Aschermittwoch in Fellbach klar, dass er das G 8 schnellstens reformieren will. „Wir müssen die Hausaufgaben in die Schulabläufe integrieren.“ Seine Begründung: Das Gymnasium habe sich faktisch zu einer Ganztagsschule entwickelt – mit dem Unterschied, dass die Schüler daheim noch Hausaufgaben machen müssten und kaum noch Zeit für musische oder sportliche Aktivitäten bleibe. „Der Schultag ist lange geworden.“ Ziel müsse sein, „die Zahl der Unterrichtseinheiten zu senken“. Dafür müsse die Kultusministerkonferenz eine Vereinbarung ändern.
Nach einer Regelung der Kultusministerkonferenz müssen Gymnasiasten in allen Bundesländern bis zum Abitur insgesamt mindestens 265 Wochenstunden Unterricht erhalten, das entspricht durchschnittlich 33 Stunden pro Woche in jedem Schuljahr.
Details zu der geplanten Reform nannte Oettinger bisher nicht. Er kündigte jedoch an, dass in Biologie, Physik und Chemie Stunden gestrichen werden könnten. Dem widersprach der Philologenverband Baden-Württemberg. „Da werden wir nie mitmachen, denn wir haben einen dringenden Bedarf an naturwissenschaftlich begabten und gebildeten Kindern“, sagte der Landesvorsitzende Karl-Heinz Wurster.
Zu diesem Zweck hatte die frühere Kultusministerin Annette Schavan (CDU) den naturwissenschaftlichen Unterricht deutlich aufgewertet. An Gymnasien mit naturwissenschaftlichem Profil wird seit 2007 das neue Fach Naturwissenschaft und Technik unterrichtet. Für die Acht- bis Zehntklässler sind jeweils vier Stunden pro Woche vorgesehen. Zudem erhalten die Gymnasiasten wie bisher Unterricht in Physik, Chemie und Biologie. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nannte Oettingers Vorschlag „völlig absurd“. Landeschef Rainer Dahlem sagte, alle Lehrinhalte müssten überprüft werden. „Es kann nicht sein, dass ein Zwölfjähriger um halb fünf Uhr mit einem Sack Hausaufgaben heimkommt.“
Kultusminister Helmut Rau (CDU) selbst äußerte sich am Mittwoch nicht zu den Vorschlägen von Oettinger. Man werde alle Fächer überprüfen, sagte sein Sprecher. FDP-Fraktionschef Ulrich Noll warf Rau vor, trotz der gewaltigen Kritik am achtjährigen Gymnasium geschlafen zu haben. „Wer die Schüler in G8 wirklich entlasten will, muss echte Ganztagesschulen schaffen mit individueller Förderung, kleineren Klassen und einer Unterrichtsgarantie“, forderte SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel. Auch der Unterrichtsstoff müsse deutlich entschlackt werden. Oettingers Vorstoß sei eine „herbe Kritik“ am Kultusministerium und der ganzen Landesregierung, sagte die Vize-Fraktionschefin der Grünen, Theresia Bauer. Oettinger sei mitverantwortlich dafür, dass „das G8 in Baden-Württemberg überhastet, planlos und auf dem Rücken von Eltern und Kindern eingeführt wurde“.