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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.02.2008

Der Krieg des Charlie Wilson

Was die USA Weltpolitik nennen

Mike Nichols versteht es, menschliche Verwerfungen mit spitzem Humor für die Leinwand zu inszenieren. Das zeigen frühe Filme wie "Die Reifeprüfung" ebenso wie aktuell die auf Tatsachen beruhende Geschichte des leichtlebigen texanischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson. Dieser kam um 1980 auf die Idee, die afghanischen Mudschaheddin mit schlagkräftigen Waffen gegen die russischen Invasoren auszurüsten und der Sowjetunion so eine herbe Niederlage beizubringen.

Dabei war Charlie vorher politisch völlig unverdächtig: ein strammer Trinker, der sich gerne mit schönen Frauen umgab, das Leben in Washington genoss und in Ausschüssen und im Parlament so geschickt abstimmte, dass viele - auch einflussreiche - Kollegen ihm Gefallen schuldeten. Auf die kam er zurück, als er das Budget für Afghanistan binnen weniger Jahre von fünf Millionen auf eine Milliarde Dollar hochtrieb.

George Criles hat die Story in einem Buch dokumentiert, Drehbuchautor Aaron Sorkin ("The West Wing") und Regisseur Mike Nichols transformieren sie in eine böse (Real-)Satire, die das ganze Elend dessen entblößt, was die Amerikaner unter Weltpolitik verstehen: andere zu umarmen, solange man sie braucht, und sie fallen zu lassen, sobald sich das Problem scheinbar erledigt hat.

Tom Hanks spielt Charlie als hinreißenden Amigo, den weder üble Affären aus der Ruhe bringen noch plötzlich auftauchende neue Freunde wie der damalige pakistanische Präsident Zia ul-Haq. Der kommt gelegen für den Waffenschmuggel nach Afghanistan, ist aber alles andere als salonfähig: 1979 putschte er seinen demokratisch gewählten Vorgänger Zulfikar Ali Bhutto weg und ließ ihn hinrichten - Tatsachen, die Charlies Mäzenin Joanne ungerührt leugnet vor potenziellen Afghanistan-Unterstützern. Ungeheuer mondän gibt Julia Roberts diese Milliardärin, die nur nach außen religiös-rechtskonservativ ist, in Wahrheit aber nicht minder lebenslustig als der Herr Abgeordnete. Zum Dritten im Bunde wird CIA-Agenten Gust, Sohn griechischer Einwanderer, aus dem ein schnauzbärtiger Philip Seymour Hoffman ("Capote") eines der zynischsten und ungehobeltsten Raubeine der Filmgeschichte macht.

Israelische Waffenschieber liefern an die Muschaheddin

Was die an sich schon komischen Figuren treiben, sorgt für große Erheiterung: Da skandiert der Chef des Verteidigungsausschusses im Flüchtlingcamp in Pakistan mit bärtigen Glaubenskriegern "Allah uh akhbar!", da spannen Gust und Wilson israelische Waffenschieber vor den muslimischen Karren, da ertönt Händels "Messias", wenn Mudschaheddin sowjetische Helikopter abschießen.

Nichols und sein exzellentes Ensemble beherrschen das komödiantische Timing in all seinen Facetten. Nur eines können sie nicht ändern: den Lauf der Geschichte. Kaum sind die Sowjets geschlagen, versiegen die Gelder - Wiederaufbau hält man in Washington für überflüssig. Die Folgen sind bekannt.
 

Bernd Haasis

07.02.2008 - aktualisiert: 07.02.2008 10:12 Uhr