Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 21.02.2008
Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Der Barbier und die Fleischpasteten
Ein Barbier auf Rachefeldzug verheißt nichts Gutes: Routiniert legt Sweeney Todd die blitzscharfen Messer an manche Kehle und sorgt für ein regelrechtes Blutbad. Dabei hat er es vor allem auf den Richter Turpin abgesehen, der ihm einst die Familie stahl und ihn dazu trieb, England zu verlassen. Als Todd nach Jahren in seinen Barbershop in der Londoner Fleet Street zurückkehrt, findet er eine Verbündete in Mrs Lovett, die im Erdgeschoss Fleischpasteten verkauft - und der er bald frischen Grundstoff liefert.
Basierend auf einem englischen Groschenroman aus dem Jahr 1846 wurde der "Sweeney Todd"-Stoff bereits mehrfach für die Bühne inszeniert, ehe Steven Sondheim 1979 ein Broadway-Musical daraus machte. Dieses hat Tim Burton ("Charlie und die Schokoladenfabrik") nun als Vorlage genommen und in der ihm eigenen Art in Filmbilder übersetzt. Wie schon in Filmen wie "Batman Returns" oder "Sleepy Hollow" hat Burton sein Faible für finstere Geschichten und künstliche Kulissen voll ausgespielt: Farbarm, schmutzig und fahl erscheint das mondäne London, das er auf die Leinwand wirft, und die Protagonisten wirken bleich und ungesund wie aus dem Spukkabinett.
Mit finsterer Miene, wehendem Haar und Rüschenärmeln schwingt Johnny Depp in der Titelrolle die Messer, und er erweist sich in den Gesangpassagen nicht als großer, aber doch als ausdrucksstarker Sänger. Helena Bonham-Carter sprüht vor Wahnsinn als morbide Mrs Lovett, und Alan Rickman gibt dem Richter den Gestus eines arroganten Privilegierten, der sich keiner Schuld bewusst ist. Timothy Spall ist als grusliger Handlanger zu sehen und Sacha Baron Cohen ("Borat") in einer Paraderolle als konkurrierender Barbier, der sich als Italiener ausgibt.
Einmal mehr entführt Tim Burton seine Zuschauer in eine ausgesprochen künstliche Welt, die meisten seiner Einstellungen wirken wie düstere, bewegte Gemälde. Allein die Mechanik des Barbierstuhls, von dem die Leichen direkt in den Keller gekippt werden können, ist ein Meisterwerk. Auch zeigt Burton Todds blutiges Treiben nicht als reine Sudelei, wie sie in vielen Horrorfilmen vorherrscht, sondern als ästhetischen Akt, so paradox das klingen mag.
Große Gesten und die dick aufgetragene Inszenierung weisen Züge eines antiken Rachedramas auf, zugleich hantiert Tim Burton mit dem ihm eigenen schwarzen Humor und verführt immer wieder zum Lachen, wo es einem eigentlich kalt den Rücken herunterlaufen müsste. Dass die Geschichte letztlich eher banal ist, fällt insgesamt kaum ins Gewicht. Und wer englischen Fleischpasteten schon vorher skeptisch gegenüberstand, wird sich nach diesem Film bestätigt sehen.
Bernd Haasis
21.02.2008 - aktualisiert: 21.02.2008 11:05 Uhr