Suche nach Kinofilmen
 
 



Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.02.2008

No Country for Old Men

Der amerikanische Albtraum

"Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf", postulierte Thomas Hobbes 1651 im "Leviathan" und beschrieb den gesetzlosen Naturzustand des Menschen als "Krieg aller gegen alle". Den Wilden Westen kann der englische Philosoph nicht im Sinn gehabt haben, denn zu seiner Zeit begann gerade erst die Besiedlung der nordamerikanischen Ostküste; und doch trat in den USA später wieder zutage, was Hobbes beschworen hatte. In Spätwestern von Sam Peckinpah ("Pat Garret und Billy the Kid", 1973) oder Sergio Leone ("Spiel mir das Lied vom Tod", 1968) gilt im Südwesten der USA das Recht des Skrupelloseren: Outlaws, Spieler, Goldsucher, Huren, Kopfgeldjäger, Eisenbahner, Rancher und Gesetzeshüter liegen da im Clinch, und meistens entscheiden am Ende großkalibrige Schusswaffen, wer gewinnt. Der Wilde Westen als Ort mag Geschichte sein, doch Mentalität, die dort geboren wurde, lebt fort - das behauptet US-Autor Cormac McCarthy in seinem Roman "No Country for Old Men" ("Kein Land für alte Männer"), den die Gebrüder Joel und Ethan Coen nun verfilmt haben. Am Sonntag errang der Film vier Oscars, darunter diejenigen für den besten Film und die beste Regie. Vietnam-Veteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) entdeckt um 1980 in der kalifornischen Wüste ein Schlachtfeld: Mexikanische Drogendealer haben einander mit Kugeln durchsiebt. Moss lässt den Stoff liegen, nimmt aber die zwei Millionen Dollar mit, die ein Gangster mit letzter Kraft unter einen schattenspendenden Baum geschleppt hat.

Doch Moss macht einen Fehler, und der leidenschaftliche Gewohnheitsmörder Anton Chigurh (grandios und mit einem Oscar belohnt: Javier Bardem) heftet sich an seine Fersen. Es entspinnt sich eine gnadenlose, blutige Hetzjagd, die Moss an seine Grenzen bringt. Chigurh ist der Prototyp des Psychopathen: Braucht er eine neues Auto, hält er einfach eins an und befördert den Fahrer flugs ins Jenseits mit einem Pressluftgerät, dessen herausschnellender Bolzen üblicherweise zum Keulen von Rindern dient. Und weil der Sheriff (Tommy Lee Jones) solcher Skrupellosigkeit nichts entgegenzusetzen hat, hängt er seinen Job an den Nagel - wie in über 100 Jahren Unzählige vor ihm.

Studie über die Abgründe der menschlichen Natur

Jedes Detail ist bis ins Kleinste ausgeklügelt, jedes Versteck, jeder Hinweis, jedes Wort genau abgewogen und präzise ins Bild gerückt. Die sonst mit Humor gesegneten Coen-Brothers ("Fargo", 1996) haben ein bedrückendes Meisterstück abgeliefert, das seine volle Wirkung erst Tage nach dem Kinogang entfaltet. "No Country for Old Men" ist nicht einfach nur brutal wie Quentin Tarantinos jüngere Filme, sondern eine Studie über Abgründe der menschlichen Natur, über Waffenfetischismus und den Verlust jeglicher Prinzipien.

Kaltblütiges Morden als Teil des amerikanischen Erbguts: Dieser Film bringt den Albtraum einer auf Gewalt gegründeten Nation auf den Punkt.
 

Bernd Haasis

28.02.2008 - aktualisiert: 28.02.2008 10:53 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise