Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.02.2008
Michael Clayton
Von der Macht der Konzerne
Beinahe unmerklich entfaltet sich auf der Leinwand ein Skandal, nein: eine Riesensauerei. Farmer aus dem Mittleren Westen, vergiftet durch einen neuen Dünger, verlangen Schadenersatz vom Hersteller, einem Chemie-Konzern; doch sie sind arm und deshalb chancenlos gegen dessen Armada von Anwälten. Bis einer davon (Tom Wilkinson) es nicht mehr aushält, sich auf die Seite der Entrechteten schlägt - und tot aufgefunden wird. Es sieht so aus, als wäre er schlicht durchgedreht, doch sein guter Freund Michael Clayton (George Clooney) beginnt, Nachforschungen anzustellen.
Ganz fein zeichnet Tony Gilroy seine Geschichte und seine Charaktere, und er lässt sich viel Zeit, bis er die Teile des Mosaiks ineinandergreifen lässt. Dabei hält er konstant Spannung - ein echtes Kunststück. Michael Clayton als Ausputzer einer großen Kanzlei ist gleich zu Beginn bei einem mehr als bornierten Kunden zu erleben, der einen Menschen überfahren hat und sich weniger um dessen Wohlergehen sorgt, sondern darum, wie sein Anwalt ihn von der begangenen Fahrerflucht befreit.
Vieles schwingt in den Bildern mit, Gilroy erlaubt sich atmosphärisches Innehalten, wie man es selten sieht, und vieles an seinem präzisen, unkonventionellen Film erinnert an die neorealistische New-Hollywood-Ära. Wenn Clayton zum Geburtstag seines Vaters kommt, liegt binnen weniger Minuten das ganze Drama einer Familie offen da, ohne dass viele Worte gemacht würden. Gilroy geht tief hinein in seine Figuren, lässt sie atmen und sich entfalten.
Clooney ist ein wenig zu hübsch und zu smart für einen Ausputzer, aber Manns genug, eine schmerzhafte Läuterung glaubhaft zu durchleiden. Von anmaßender Kälte ist seine Gegenspielerin Tilda Swinton, die als zynische Vertreterin des Konzerns nicht nur das Schicksal der Farmer und ihrer Familien kalt lässt, sondern die sogar wüste Mörder anheuert, um das Problem aus der Welt zu schaffen - ein Spiegel der Umgangsformen, die viele Normalbürger Wirtschaftsbossen nach all den Skandalen der jüngsten Vergangenheit ohne weiteres zutrauen. Swinton ist dafür zu Recht mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet worden.
Gilroy hat viele menschliche Momente inszeniert, in denen ganz und gar Unmenschliches vor sich geht. Das Kapital kennt eben keine Moral, und in diesem Film ist ganz plastisch zu sehen, was das in letzter Konsequenz bedeutet.
Bernd Haasis
28.02.2008 - aktualisiert: 28.02.2008 11:32 Uhr