Die Brit Awards, die neben den Grammys einer der wichtigsten Musikpreise sind, waren in diesem Jahr durchaus bezeichnend. Am meisten Aufmerksamkeit erhielt natürlich Amy Winehouse, als beste britische Künstlerin wurde Kate Nash ausgezeichnet, und Adele Blue Adkins bekam den Critics Choice Award.
Alle drei sind vielversprechende junge Sängerinnen, die genau in dieser Reihenfolge auf der Popularitätsskala anzusiedeln sind. Junge Mädchen sind gerade omnipräsent in den Medien: Sie lassen sich von Heidi Klum schikanieren, und die Shell-Studie 2006 schickte sie gar auf die „Überholspur“.
In der Populärmusik ist jedoch ein neues Selbstverständnis zu erkennen. Vorbei die Zeiten, als laute Riot Grrrls wie Bikini Kill, Le Tigre, Sleater-Kinney oder L7 den Ton angaben. Aus den Mitgliedern der in den 90er Jahren zusammengecasteten Girlgroups wie den Spice Girls, No Angels oder Atomic Kitten sind längst boulevardtaugliche Mütter geworden. Die neue Generation der singenden Mädchen ist dagegen angenehm normal – allesamt liefern sie in ihren Liedern grundverschiedene, authentische Interpretationen von einem Mädchen-Sein, das überhaupt gar nichts mit „Girl Power“ zu tun hat.
Poptheoretiker Diedrich Diederichsen vermisste 1999 in seinem Buch „Der lange Weg nach Mitte“ eine „Selbstverständlichkeit in der popkulturellen Artikulation von Frauen“. Die neue Generation, vollständig im Internet bei
myspace.com vertreten, könnte mit ihrem charmanten Musikerinnentum daran etwas ändern. Die Vorbilder sind klar in der jüngsten Vergangenheit zu finden: Amy Winehouse, Lily Allen und Kate Nash heißen die „role models“, die für die Riege der neuen Sängerinnen Patin standen.
Derzeit wird Adele Blue Adkins, die sich schlicht Adele nennt, als neue Amy aufgebaut, und sie wickelt das Königreich mit ihren braven Songs um den kleinen Finger. Ihr Debüt „19“ ist jetzt auch bei uns erscheinen. Sie steht stellvertretend für alle Normalo-Mädchen, sträubt sich gegen den Abmagerungswahn, hat eine gesunde Hautfarbe und Soul in der Stimme. Ihr Idol: Ella Fitzgerald. Wer sich auf ihre Myspace-Seite verirrt, könnte sie für eine ganz gewöhnliche 19-jährige Britin halten, die gerne Salt-&-Vinegar-Chips isst und die Abende im Pub verbringt. Anrührende, leise Lieder singt sie, die sich allerdings nicht an der Übermutter Winehouse messen lassen können. Amy MacDonald, 21 Jahre alt und Schottin, steht mit ihrem Debütalbum „This is Life“ auf Platz 1 der britischen Charts, ihre Stimme erinnert ein bisschen an Bonnie Tyler, und sie singt charmant vom „Mr. Rock’n’Roll“.
Überhaupt: Mädchen tragen Gitarre. Sehr sympathisch ist die putzige Nord-Londonerin Remi Nicole, die in „Rock’n’Roll“ davon singt, nicht wie die Mädchen in den HipHop-Videos tanzen zu wollen. Auch die Waliserin Duffy mit ihren blonden Ponyfransen kommt bald aufs Festland. Ihr Debütalbum „Rockferry“ erscheint im April. Produziert wurde das Werk der 23-Jährigen vom ehemaligen Suede-Gitarristen Bernard Butler, und es klingt nach Blubberblasen in Dusty-Springfield-Manier – und eben auch ein bisschen nach Amy Winehouse.
Bei den jungen Sängerinnen weht jedoch auch oft der Charme des Dilettantischen mit. Schon im vergangenen Jahr überzeugte die Französin Soko mit der Verlassen-werden-Wut-Hymne „I’ll Kill Her“. Ihre Musik kann man bisher nur im Netz hören: „I don’t have a record, I’m working on it though, but it takes some time. So for now, this is all virtual ...“, erklärt sie auf ihrer Myspace-Seite.
Die kanadischen Zwillinge Tegan & Sara sind quasi die Olsen-Twins des Indiepops. Ihr aktuelles Album „The Con“ ist ein adrettes Singspiel, voll von Harmonien. Kein Wunder, dass ihre Songs auch schon in Fernsehserien wie „Grey’s Anatomy“ verwendet wurden. Bei all den musizierenden Mädchen gibt es keinen kleinen gemeinsamen Nenner, kein Erfolgsgeheimnis. Doch sind sie weit entfernt von den braven Fräuleinwundern wie Norah Jones, Katie Melua und Joss Stone, die nicht nur Musik machen, sondern gleich die Welt retten wollen. Es gibt ein neues Pop-Selbstverständnis, das auch als Reaktion auf die unsäglichen Castingshows zu verstehen ist: Du kannst alles schaffen, wenn du willst, du kannst so nett, so zickig, so cool und so süß sein, wie du willst, und vor allem kannst du selbst Songs schreiben und musst dir nichts diktieren lassen.
Während Adele, Amy MacDonald oder Duffy schon mit Alben aufwarten können, stehen Lykke Li, Soko, Those Dancing Days, Remi Nicole oder Bat for Lashes in den Startlöchern. Und die Aufzählung könnte noch endlos so weitergehen. Das Forum der neuen Pop-Prinzessinnen ist das Internet, ihr Mittel sind herzige Lieder, die Mädchen aus der Seele sprechen. Selbstgemacht, aufgenommen in Teenie-Zimmern. Leona Lewis übrigens, die Siegerin der britischen Casting-Show war, wurde bei den diesjährigen Brit Awards stolze vier Mal nominiert. Und ging leer aus.
Bereits erscheinen: Adele: „19“ (XL/Beggars/Indigo), Amy Macdonald: „This Is The Life“ (Universal), Tegan & Sara: „The Con“ (Warner); Duffy: „Rockferry“ (Universal) erscheint am 4. April, Those Dancing Days: „Those Dancing Days“ (EP) am 14. März.