Stuttgart - Es gibt weniger heikle Geschichten als die des Manfred von Richthofen, genannt „Der Rote Baron“ und der berühmteste deutsche Jagdflieger des Ersten Weltkriegs; die Filmfirma Niama hat sich trotzdem herangewagt und daraus das erste wirklich große Leinwandspektakel aus Stuttgart gemacht, das am Donnerstag in die Kinos kommt.
Alle Geldgeber sind Schwaben, Produzent Thomas Reisser ist gebürtiger Stuttgarter, Roland Emmerich hat am Drehbuch mitentwickelt, die Luftschlachten wurden in Ludwigsburg computergeneriert und Gudrun Schretzmeier vom Theaterhaus hat die Schauspieler eingekleidet.
Matthias Schweighöfer spielt Richthofen, der im roten Doppeldecker mehr Feinde abschießt als jeder andere, als Held instrumentalisiert wird und angesichts der Grauen des Krieges in einem Zwiespalt landet, in dem er zerbricht. Der Wahlamerikaner Nikolai Müllerschön hat das Buch geschrieben und Regie geführt, Stars wie Til Schweiger, Lena Headey und Jospeh Fiennes spielen wichtige Nebenrollen.
Bereits 2004 sichtete die Ludwigsburger Firma Miromar Drehorte in der Region, scheiterte aber an der Finanzierung – anders als Thomas Reisser, Betriebswirtschaftler mit IT-Hintergrund und Film-Fan. „Die Produktentwicklung unterscheidet sich kaum von der im Maschinenbau oder der Software-Entwicklung“, sagt er. „Ich habe Kontakte zu Unternehmern und neun Schwaben gefunden, die bereit waren, in den Film zu investieren.“ Reisser gründete mit dem Produzenten Dan Maag, Müllerschön und Schweighöfer die Firma Niama, übernahm das Projekt und brachte 18,2 Millionen Euro auf – hier zu Lande ein beachtliches Budget.
„Die Investoren, die ungenannt bleiben wollen, waren an allen Entscheidungen beteiligt“, erklärt Reisser sein Modell, das manche Krise überstand. 2006 stieg Klaus Maria Brandauer aus, der General von Hoeppner spielen sollte. „Wir waren später dran als geplant, er mit seiner ,Dreigroschenoper‘ ausgelastet“, sagt Reisser. „Für die Investoren war das schwierig und wir haben ihnen freigestellt, auszusteigen.“ Was keiner tat – nachdem „Tatort“-Kommissar Axel Prahl zu Probeaufnahmen angereist war.
Dass Niama nicht wie geplant 20 Tage in der Region drehte, neun davon auf Schloss Solitude, sondern in Tschechien, und sogar Filmförderung zurückgab, ist ein Kuriosum. „Für ein so reiches Land ist hier viel klein-klein“, sagt Reisser. „Wir sollten allein für den Solitude-Parkplatz 500 Euro am Tag zahlen, und da geht es nicht allein ums Geld, sondern ums Prinzip: Ein Dreh mit Fiennes, Schweiger, Headey und Schweighöfer findet hier nicht alle Tage statt, und wir werben nicht auf Kosten der Investoren für die Region. Das muss ein Geben und Nehmen sein.“
Der bekennende Stuttgarter möchte bleiben – trotz allem. „Eine Filmakademie macht noch keinen Medienstandort, die Absolventen finden hier keine Arbeit“, sagt er. Immerhin 35 Absolventen hat Niama für den „Roten Baron“ zurückgelockt, um bei der Ludwigsburger Trickfirma Pixomondo Luftschlachten zu erschaffen. Dass München und Babelsberg eine lange Geschichte haben, lässt er nicht gelten: „Man kann Geschichte auch neu schreiben. Die Hallen der alten Messe am Killesberg zum Beispiel hätten ein gutes Filmstudio abgegeben. Für so etwas braucht es aber den politischen Willen.“
Schon vor Filmstart gibt es eine Kontroverse um deutsche Kriegsheldenverehrung, auch wegen Joachim Castans umstrittener Richthofen-Biografie, in der der Flieger als blutrünstiger Psychopath erscheint. „Das ist hoch spekulativ, wir haben uns an die bisherige Forschung gehalten“, sagt Reisser, der zugibt, dass der Film auch mit Geschichte spielt: Die Affäre mit einer Krankenschwester (Headey) wurde Richthofen nur unterstellt, sein englisches Pendant Roy Brown (Fiennes) hat er nie getroffen, der Flieger Sternberg (Maxim Mehmet) wurde stellvertretend für alle jüdischen Kriegsteilnehmer hinzuerfunden – „wir sind aber nah genug an den Fakten, um den roten Flieger guten Gewissens aufs Plakat drucken zu können“.
Schon plant Niama für die Zukunft. „Die Geldgeber waren ja involviert und akzeptieren, was der Markt jetzt aus dem Film macht. Sie sind interessiert an weiteren Projekten“, sagt Reisser. Zunächst soll „Catweazle“ ins Kino, der kauzige TV-Serien-Star der 70er, gespielt von Rhys Ifans („Notting Hill“), und dann „Rocko Schulze, der letzte Agent der DDR“, eine James-Bond-Parodie aus der Perspektive eines Ostagenten.
All das wird von Stuttgart aus gesteuert. Man darf gespannt sein, welche Rolle der Filmstandort dabei spielt.