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Internationale Studiengänge

An der Uni wachsen die Zweifel am Bachelor

10.04.2008 - aktualisiert: 10.04.2008 18:49 Uhr

Uni  Stuttgart Infotage Schüler Auditorium Hörsaal
Noch sind die Hörsäle voll: Aber seit der Bachelor-Einführung entscheiden sich weniger Studenten für ein geisteswissenschaftliches Fach
Archivfoto: Kraufmann

Rektor Wolfram Ressel sieht durch die neuen Abschlüsse das Humboldtsche Bildungsideal gefährdet
 

Stuttgart - Die Universität Stuttgart darf ab 2010 nur noch Studiengänge mit Bachelor- und Masterabschlüssen anbieten. Die Hochschule und ihr Rektor Wolfram Ressel sind bei dieser europaweiten Umstrukturierung keine Vorreiter, sondern vielmehr Getriebene: „Eigentlich habe ich nie verstanden, warum wir umstellen müssen.“

Die Universität Stuttgart prescht bei der Umstellung auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge nicht nach vorne, sondern nimmt bewusst den Fuß vom Gas. Bis jetzt sind nur die geisteswissenschaftlichen Studiengänge umgestellt, für die naturwissenschaftlichen lässt man sich noch bis zum Wintersemester 2009 Zeit. „Wir reizen die gesetzlichen Vorgaben maximal aus“, sagt Rektor Wolfram Ressel. Der Grund für diese Zögerlichkeit ist, dass von Anfang an bei der Umstellung nicht alles rund lief. Vielmehr traten schnell die strukturellen und inhaltlichen Schwachpunkte der neuen Studiengänge zutage.

So ist ein erklärtes Ziel der Reform die Förderung von Mobilität der Studenten im In- und Ausland. Doch Ressel erkennt: „Mal eben ein Semester ins Ausland – das stellt jetzt ein echtes Problem dar.“ Das liegt nicht nur an den kurzen sechs Semestern, in denen für so etwas schlicht die Zeit fehlt. Denn wenn ein Student trotzdem geht, werden meist die erworbenen Prüfungsleistungen von der Heimat-Uni nicht anerkannt. So wird ein Studium an verschiedenen Hochschulen fast unmöglich, die Mobilität mehr gehemmt als gefördert. „Das ist sehr unschön“, findet auch Wolfgang Schlicht, Prorektor für Lehre und Weiterbildung.

Ein weiteres Anliegen der Reform ist, weniger Abbrecher als die auslaufenden Magister- und Diplomstudiengänge hervorzubringen. Aber „die meisten Studiengänge sind jetzt zu voll gestopft“, sagt Ressel. Weil bei sechs Semestern viele bisherige Vorlesungen und Seminare wegfallen, wird in die verbleibenden „reingepackt, was geht“. So sieht Schlicht eher weniger Studenten bis zum Abschluss durchhalten als bisher. „Diese Befürchtung ist ganz klar da“, sagt auch der Rektor. Denn weniger Abbrecher gäbe es nur, wenn der Bachelor richtig konstruiert sei, was der Prorektor aber anzweifelt: „Man darf sich nicht wundern, wenn manche Studenten durch die zu hohen Belastungen in die Knie gehen“.

Bessere Berufschancen für die Absolventen im internationalen Wettbewerb sind das dritte große Bestreben des sogenannten Bologna-Prozesses. Doch auch hier sind Zweifel an der Umsetzung angebracht: „Ingeniuer-Bachelor von Fachhochschulen sind geeigneter für den Berufseinstieg als ein solcher Bachelor von uns“, so Rektor Ressel. An den FHs werden die Studierenden in sieben anstatt sechs Semestern ausgebildet. „Diese Absolventen könnten unsere Studenten auf dem Arbeitsmarkt ausbremsen.“ Ein Bachelorstudium könne vor allem in den Ingenieurswissenschaften keine Berufsqualifizierung bieten, sondern „nur eine Befähigung“, so Ressel. Ein wertloser Abschluss? „Ich setze hier auf die Intelligenz der Studierenden und hoffe, dass sie noch ein Masterstudium anschließen.“

Generell befindet sich laut ihres Rektors „die Uni auf unsicherem Kurs“ was den ganzen Umstellungsprozess anbelangt. „Die Professorenschaft der Natur- und Ingenieurswissenschaften weiß noch gar nicht, was da auf sie zukommt“, sagt Ressel mit Blick auf die noch bevorstehenden Neuerungen in diesen Fachbereichen. Was die Dozenten nicht ahnen: „Der zeitliche Aufwand für Betreuung und Prüfungen ist bei Bachelor- viel höher als bei Magister- oder Diplomstudiengängen“, so Wolfram Ressel.

Ob da noch Zeit für die Forschung bleibt? Der Rektor räumt ein, die Gefahr bestehe, „dass die Qualität der Forschungsarbeit sinkt. Denn den wissenschaftlichen Mitarbeitern steht jetzt weniger Zeit für ihre Projekte zur Verfügung.“

Ein Hochschulabschluss, der vielleicht doch keiner ist, Professoren mit weniger Zeit zum Forschen und Studenten mit einer Arbeitswoche, die jede Gewerkschaft auf die Straße treiben würde. Ein problematisches Fazit, wo es doch eigentlich um ein vielfach gepriesenes Gut unseres Landes geht: Bildung.

Wolfram Ressel sieht mit Blick auf die Realität das humboldtsche Bildungsideal in Gefahr: „Die neuen Studiengänge sind schon eine Art von Bildung. Aber universitäre Bildung ist es nicht – da habe ich so meine Zweifel“. Dennoch sei es nach wie vor ein Anliegen der Uni, Persönlichkeitsbildung im klassischen Sinne zu betreiben, sagt Prorektor Wolfgang Schlicht. „Auch wollen wir keine Fachidioten ausbilden“. Aber Ressel sieht keine Zukunft für die neuen Abschlüsse in ihrer jetzigen Form – und hofft deshalb auf eine reformierte Reform: „In drei bis vier Jahren wird garantiert auf einen Bachelor mit acht Semestern umgestellt.“ Diese Möglichkeit wird bereits jetzt in der Hochschulrektorenkonferenz diskutiert. „Denn das eine Jahr, das uns inzwischen durch G8 bei der Schulbildung fehlt, müssen wir im Studium eben wieder dran hängen.“
 

Ira Knabe, StN