Am Mittwoch präsentiert Johannes Auer sein Projekt „SearchSongs“ im Literaturhaus
Stuttgart - Das Literaturhaus wird von Mittwoch an für drei Tage zur Bühne der „Netzgeschichten“. Der Stuttgarter Netzliterat Johannes Auer bringt dabei sein gemeinsam mit René Bauer und Beat Suter konzipiertes Projekt „SearchSongs“ zur Uraufführung.
Herr Auer, der große Stuttgarter Netzliterat Reinhard Döhl, mit dem Sie eng zusammengearbeitet haben, ist 2004 gestorben. Was hat sich seitdem in der Netzliteratur getan – gibt es Sachen, die ihn verblüffen würden?Johannes Auer: Zu verblüffen war er nicht, sondern immer offen für alles. Was er nur noch am Rande mitbekommen hat, war die stärkere Code-Orientierung: Dass es in der Netzliteratur Kunstsprachen gibt, die Programmcode mit natürlicher Sprache vermischen.
Heißt dies, dass die Maschine immer mehr an die Stelle des Menschen tritt – auch was die Kommunikation angeht?Johannes Auer: Ich bin da ein Skeptiker. Ich glaube nicht, dass der Computer den Mensch ersetzen kann. Wenn man am Computer schreibt, bewegt man sich in seinem eigenen Kopf. Der vernetzte Raum ist für viele Menschen ein Projektionsraum für ihre eigenen Vorstellungen. Sie sehen nicht wirklich ein Gegenüber vor sich. Der Computer bietet Raum für Selbstbezüglichkeit: Wenn man vor dem Bildschirm sitzt, spiegelt man sich. Ich will bei meinen Performances aus diesen autistischen Schreibsituationen herauskommen, indem das Interface vermenschlicht wird.
Was heißt das?Johannes Auer: Das Projekt „SearchSongs“, das ich zusammen mit René Bauer und Beat Suter entwickelt habe, gibt es zwar als
Netzvariante, eigentlich ist es von uns aber so konzipiert, dass es live gespielt wird. Da passiert nochmal was ganz anderes: Nicht ein Algorithmus oder ein Computer, sondern ein Musiker reagiert. Das verschafft einen anderen Zugang. Das glaube ich zumindest – am Mittwoch bei den „Netzgeschichten“ kommt es ja erstmals zur Aufführung.
Auch auf der anderen Seite sitzen Menschen – und geben Begriffe in Suchmaschinen ein. Diesen Wortstrom nennen Sie Sehnsuchtsmelodie im Netz. Was ist das für eine Melodie? Johannes Auer: Manche nutzen Suchmaschinen überraschenderweise, um sich etwas von der Seele zu schreiben, wie bei einer Beichte. Es ist aber auch durchaus derb, was gesucht wird. Man kann richtig harte Begriffe abkriegen. Wenn mal wieder jemand nach Pornos sucht, dann läuft das rein – wir werden das nicht rausfiltern. Leute suchen in Suchmaschinen, was sie wirklich wollen. Wir nun wiederum wollten diese Sehnsuchtsmelodie im Netz musikalisch hörbar machen, indem wir die Buchstaben in Noten umwandeln.
Was erwartet die Besucher am Mittwoch?Johannes Auer: Es wird Plätze mit Computerbildschirmen und Tastatur geben, auf der Bühne ist eine Leinwand aufgebaut, davor sitzt der Cello-Spieler Erik Borgir. Dort werden die Buchstaben laufen, die aus der Suchmaschine kommen. Gleichzeitig können die Leute an den Terminals Wörter eingeben – diese werden dann in die Buchstabenlinie eingeschoben. Diese Linie wird wiederum in Noten umgewandelt: Aus dem Buchstaben A wird der Ton A. Die Besucher werden damit experimentieren: Sie werden versuchen, den Algorithmus zu knacken und darüber mit dem Cello-Spieler zu musizieren.
Warum ist die Altersfreigabe bei Ihrer Veranstaltung ab 16 und bei Florian Cramer am Freitag ab 18 Jahren? Johannes Auer: (lacht) Bei uns wegen der manchmal derben Suchbegriffe. Florian Cramer spricht über Indie-Porn. Er hat sicher recht, dass es zwischen Pornografie und Programmieren Parallelen gibt, weil beides mit Redundanzen zu tun hat. Das Programmieren ist stinklangweilig – und Pornografie lebt ja auch von immer denselben Wiederholungen.