Plüschig, kuschelig, zurzeit nicht erhältlich: Corinna mit ihrem Wilbär.
Foto: Wilhelma
Kleiner Wilhelma-Star kommt zu spät in die Läden
Stuttgart - Lange Schlangen vor dem Gehege – auch in Stuttgart ist das Eisbär-Fieber ausgebrochen. Bei der Vermarktung hinkt Wilbär jedoch seinen Artgenossen in Berlin und Nürnberg hinterher. Die Verantwortlichen in der Wilhelma stört dies wenig.
Die Zahlen sprechen für sich. Im Jahr 2007 verzeichnete der Berliner Zoo gegenüber dem Vorjahr Mehreinnahmen von 6,5 Millionen Euro. "Davon gehen etwa 3,5 Millionen Euro auf den Knut-Effekt", sagt Zoo-Sprecher Detlef Untermann. Nicht nur an der Zookasse lässt sich Knut zu Geld machen. Der Berliner Zoo hat 28 Lizenzverträge mit der Industrie geschlossen. Seit März ist der Berliner Eisbär sogar als Leinwandheld im Kino zu sehen.
Auch der Tiergarten in Nürnberg will seine Flocke bestmöglich vermarkten. Pünktlich zum ersten öffentlichen Auftritt reihten sich Flocke-Produkte von 21 Lizenzpartnern in den Ladenregalen.
In Sachen Vermarktung backt die Wilhelma kleinere Brötchen. Zwar konnten die Besucher seit dem vergangenen Wochenende im Kiosk der Wilhelma Wilbär und Mutter Corinna als Plüschtier erwerben. Doch den Vertrieb hat der SWR als Wilbär-Pate in Eigenregie übernommen. Das erste Kontingent von 50 Mutter-Kind-Paketen (Preis 39.95 Euro) ist schon vergriffen. Sonst aber ist die Merchandising-Maschinerie noch nicht angelaufen. In den Läden sucht man vergebens nach Wilbär-Artikeln. "Das ist traurig", sagt Karin Graf, deren Agentur Stuttg-Art von der Wilhelma erst im März mit der Vermarktung beauftragt wurde. "Man hätte uns eigentlich drei Monate vorher holen müssen."
Wilbär ist einen Tag älter als Flocke. Bei der Vermarktung hat der Nürnberger Tiergarten aber einen deutlichen Vorsprung vor der Wilhelma. Bereits im Januar wurde im Rathaus ein Marketingbüro eingerichtet. Der Tiergarten stellte dafür eine Mitarbeiterin ab. Sie unterstützte vier städtische Beamte, die eigens für die Vermarktung des Eisbärenbabys abgestellt wurden. "Wir haben frühzeitig eine Marketing-Strategie entwickelt", sagt Nürnbergs Zoodirektor Dag Encke. Als Leitbild diente ein Raster, wonach interessierte Firmen bestimmte Standards zu erfüllen haben. Die Produktion muss ökologisch und nachhaltig sein. Kinderarbeit sei zum Beispiel genauso verboten wie die Verwendung von Tropenholz, erläutert Encke. Von mehr als 400 Interessenten blieben bislang 21 übrig. Bereits Anfang Februar päsentierten einige dieser Lizenzpartner auf der Spielwarenmesse Prototypen ihrer Flockeprodukte.
Inzwischen hat die Gerlinger Agentur Stuttg-Art fünf Lizenzverträge im Namen von Wilbär unterzeichnet. Der für die Vermarktung günstigste Zeitpunkt – Wilbärs erstes Bad vor der Menge – wurde allerdings verpasst. Bis Pfingsten soll Wilbärs-Konterfei endlich Müsliriegel, T-Shirts, Tassen und elf weitere Produkte zieren.
Die Verantwortlichen in der Wilhelma wehren sich jedoch gegen den Vorwurf, sie hätten zu spät mit der Vermarktung begonnen. "Wir würden alles wieder genauso machen", sagt Wilhelma-Kuratorin Ulrike Rademacher. Man habe Wilbär zunächst geheim gehalten, um Eisbärmutter Corinna möglichst lange in Ruhe zu lassen. Eine Handaufzucht in den ersten Wochen wollten die Verantwortlichen unbedingt vermeiden. "Da denkt man nicht daran, wie viel man mit einem Plüschtier verdienen kann", sagt die Kuratorin.
Karin Wachsmuth weiß, dass man damit sehr gut verdienen kann. Ihre Agentur kümmert sich um das Marketing der Firma Steiff. Der Plüsch-Knut ging innerhalb eines Jahres rund 100.000 Mal über die Ladentheke. Das sei schon außergewöhnlich gut. Und auch bei Flocke, die Steiff seit 9. April im Sortiment hat, rechnet Karin Wachsmuth mit einem Erfolg: "Der Handel hat gut bestellt."
Und wie erklärt sich die Marketing-Frau den Rummel um die Eisbärenbabys? Die Eisbären seien ein Symbol für den Klimawandel. Durch ihre tollpatschige Art hätten sie zudem einen "wahnsinnigen Kuschelfaktor". Hinzu komme die Geschichte dahinter, zumindest bei Knut. "Von der Mutter verstoßen, so etwas beschäftigt die Leute."
Ulrike Rademacher findet den Eisbären-Boom unerklärlich. Die Kuratorin verweist in diesem Zusammenhang auf das Okapi-Pärchen, das jüngst Nachwuchs bekommen hat. Dafür interessiere sich niemand, obwohl es ein viel selteneres Ereignis sei als die Geburt eines Eisbären. "Das hat mich schon frustriert."
Marko Belser, StN