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Radioaktive Wildschweine

Tschernobyl strahlt im Schwarzwaldboden weiter

Jäger lassen erlegte Tiere regelmäßig auf Cäsium überprüfen
Foto: AP

Wildschweine wühlen nach belasteten Pilzen und nehmen Radioaktivität auf
 

STN ExklusivStuttgart – Tschernobyl und kein Ende: Die Folgen des Reaktorunglücks vor mehr als 20 Jahren in der heutigen Ukraine sind immer noch zu messen: Wildschweine im Südwesten sind teilweise massiv radioaktiv belastet. Gefahr für die Verbraucher bestehe nicht, beteuern die Jäger.

Ihren Nasen entgeht nichts. Wenn Wildschweine mit ihren mächtigen Rüsseln den Waldboden durchpflügen, stoßen sie auf so manche Delikatesse. Etwa auf den Hirschtrüffel, einen unterirdisch wachsenden Pilz, der für den Menschen ungenießbar ist. Die Trüffel bestehen aus einer harten, gummiartigen Rinde mit warzenähnlicher Struktur. Wildschweine wühlen die Trüffel aus und fressen auch das Pilzmycel, das die Fruchtkörper umgibt, sowie den anhaftenden Boden. Das Problem: Hirschtrüffel und Myzel sind relativ hoch verseucht mit Radio-Cäsium-137. Eine der Nachwirkungen des Reaktorunglücks von Tschernobyl.

Zwar ernähren sich Wildschweine nicht allein von Hirschtrüffeln. Auch Maiskörner, Eicheln und Bucheckern stehen auf dem Speiseplan der Tiere. Doch es ist der unterirdische Pilz, der besonders viel von dem gefährlichen Cäsium gespeichert hat. Dieses war in den vergangenen Jahren im Boden immer weiter nach unten gesunken. „Daran sieht man, wie lange die Schatten des Reaktorunglücks wirklich sind“, sagt Maria Roth, Amtsleiterin im Chemischen- und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Speisepilze könnten mittlerweile gesammelt und ohne Sorge verzehrt werden.

Die Folgen für die Wildschweine werden im Labor sichtbar. Von Tausenden erlegten Exemplaren im Südwesten nehmen die Experten Proben. In den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es bereits 240, davon wiesen 51 einen erhöhten Cäsiumwert auf, das heißt mehr als 600 Becquerel pro Kilogramm. Diese Tiere müssen in den Tierkörperbeseitigungsanlagen des Landes entsorgt werden. In manchen Regionen, so zum Beispiel im Kreis Freudenstadt, waren 53 Prozent der genommenen Wildschweinproben radioaktiv verseucht, im Kreis Calw lag die Zahl bei 50 Prozent. Dies belegen neueste Untersuchungen des Landwirtschaftsministeriums. Es sind Höchstwerte, die sich seit dem Jahr 2005 kaum verändert haben.

„Für viele Menschen ist Tschernobyl schon wieder sehr weit weg“, sagt Bernd Schott vom Bund für Umwelt und Naturschutz, „aber die Natur vergisst nicht so schnell.“ Es könne noch bis zu 240 Jahre dauern, bis das angereicherte Cäsium komplett zerfallen sei. Um der Gefahr durch radioaktiv belastete Naturprodukte zu entgehen, empfiehlt Schott, auf Wildschweinfleisch und selbst gesammelte Pilze ganz zu verzichten. „Man müsste eigentlich seine Nahrungsgewohnheiten ändern“, sagt der Umweltschützer.

Ganz so rigoros will Ulrich Baade vom Landesjagdverband nicht vorgehen. Schließlich würden die Jäger auf die Unbedenklichkeit von Wildschweinfleisch achten. Finde sich in einem Tierkörper ein Cäsiumwert von mehr als 600 Becquerel, würde er vernichtet und gelange nicht in den Handel. Darauf könnten sich die Verbraucher verlassen. Für jedes entsorgte Wildschwein erhalten die Jäger eine Ausgleichszahlung aus Berlin. „Weil diese Zahlung ausreichend ist, besteht überhaupt kein Anreiz, verstrahltes Fleisch zu verkaufen.“
 

Hilmar Pfister, StN

13.05.2008 - aktualisiert: 13.05.2008 19:21 Uhr

 



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