Mehrere Kommunen in der Region beschäftigen sich mit einem Alkoholverbot nach Freiburger Vorbild
Stuttgart - Bis zur Besinnungslosigkeit betrunkene Kinder lassen auch in der Region den Ruf nach strengeren Alkoholverboten laut werden. Um den Jugendlichen das Koma-Saufen zu erschweren, denken etliche Städte über die Sperrung öffentlicher Plätze nach.
Der Fall hat in Kornwestheim für Aufsehen gesorgt: Mitte Mai füllte sich ein 13 Jahre altes Mädchen derartig ab, dass sie ins Ludwigsburger Krankenhaus eingeliefert und über Tage stationär behandelt werden musste. 2,9 Promille stellten die Ärzte im Blut des Kindes fest. Das lebensbedrohliche Delirium ist kein Einzelfall. "Ich dachte, sie stirbt", erinnert sich Robert Müller an eine volltrunkene 14-Jährige, die er Anfang Juli von der Straße aufgelesen hat. Immerhin noch auf 1,7 Promille kam ein 15-Jähriger, der dem Polizei-Jugendsachbearbeiter am Mittwoch in die Arme torkelte. "Es gibt Schüler, die schon in der großen Pause ein Bier zischen", klagt Müller über die nicht abreißende Kette an Alkoholexzessen.
Weil Müller nicht nur beruflich mit Sauforgien zu tun hat, sondern für die SPD auch im Kornwestheimer Gemeinderat sitzt, hat er jüngst - Hand in Hand mit der CDU - eine Initiative auf den Weg gebracht, die auch in anderen Kommunen diskutiert wird. Um Exzesse einzudämmen, soll nach Freiburger Vorbild ein Alkoholverbot für öffentliche Plätze eingeführt werden. Müller: "Wenn bei einer trinkenden Clique ein Volljähriger dabei ist, können wir den Jugendlichen den Alkohol noch nicht mal wegnehmen."
Susanne Nemetz vom Ordnungsamt ist eher skeptisch, ob sich ein generelles Alkoholverbot durchsetzen lässt. Im Gegensatz zum Freiburger Kneipenviertel gebe es in Kornwestheim keinen Schwerpunkt. "Es gibt einen Verdrängungseffekt", sagt sie - mal treffen sich Jugendliche im Wohngebiet, mal sind der Bahnhof oder der Stadtpark eine Anlaufstelle. Wenn Jugendliche auffällig werden, gibt es in Kornwestheim einen Blauen Brief der Stadt an die Eltern: "Wenn man seinen Kindern am Küchentisch ins Gewissen redet, ist oft auch schon etwas erreicht", findet Susanne Nemetz.
Reine Ruhestörungen reichen aber nicht aus, um das Bechern auf der Straße zu unterbinden - das hat der Verwaltungsgerichtshof in einem Musterprozess klargestellt. Weil die Kornwestheimer Kriminalstatistik einen eklatanten Anstieg bei der Zahl der Körperverletzungen ausweist, prüft die Stadt, ob ein Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum erkennbar ist. Auch die Nachbarstadt Ludwigsburg befindet sich in der Prüfungsphase: "Noch lässt sich nicht sagen, was rauskommt", sagt der für Sicherheit und Ordnung zuständige Gerald Winkler.
In Esslingen soll Ende des Jahres entschieden werden, für welche Plätze ein Alkoholverbot in die Polizeiverordnung kommt. Bei der Überprüfung der Brennpunkte für Alkohol und Vandalismus waren Schulhöfe, Grünanlagen und auch Buswartehäuschen besonders betroffen. Die Stadt Stuttgart setzt auf Gespräche mit Tankstellenpächtern und Streetworker-Projekte, um den Alkoholkonsum in der City einzudämmen. Eine Bannmeile für Hochprozentiges hält Ordnungsbürgermeister Martin Schairer derzeit nicht für erforderlich - schließlich wirke sich auch das vom Land beschlossene flächendeckende Verkaufsverbot an Tankstellen und Kiosken ab 22 Uhr aus.
Sascha Schmierer