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1899 Hoffenheim

Wenn im Fanblock Dollarscheine fliegen

14.08.2008 - aktualisiert: 14.08.2008 18:28 Uhr

TSG 1899 Hoffenheim - Stadionbau
Foto: dpa

Der neue Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim kämpft gegen das Image eines mit Millionen gemästeten "Retortenclubs"
 

Hoffenheim - Die Bummelzüge halten alle auf demselben Gleis am Hoffenheimer Bahnhof, einem ausrangierten Gebäude aus der Pionierzeit der Eisenbahn. Als vor sechs Jahren Schüler den Warteraum der Station nach Motiven des Graffiti-Künstlers Keith Haring bebilderten, konnte es keiner ahnen: Die Zeichen an der Wand - das Unternehmenslogo DB, die Straßenparole "Hurensohn" - symbolisierten die Zukunft der heimischen, damals drittklassigen Fußballer.

Diese Woche hat sich die Deutsche Bahn (DB) als Premium-Sponsor der TSG 1899 Hoffenheim vorgestellt, und dem Vereinspräsidenten Peter Hofmann, 49, tut es "im Herzen weh", wenn er daran denkt, wie der milliardenschwere Mäzen Dietmar Hopp, 68, wieder mit üblen Gossensprüchen beleidigt werden könnte. Fans schmähen den Kraichgau, auch "Toskana für Arme" genannt, als "Reichgau". In gegnerischen Stadien wurden zuletzt Popsongs wie "Money For Nothing" oder "Ich wär so gerne Millionär" eingeblendet und eigens gedruckte Dollarscheine mit TSG-Logo geworfen.

Fussball 2.Bundesliga TSG 1899 Hoffenheim - SpVgg Greuther Fürth
Dietmar Hopp (Mitte) Foto: Baumann
Das größte Problem des Erstliga-Aufsteigers Hoffenheim wird es sein, das Image eines mit Millionen aufgeblasenen "Retortenclubs" loszuwerden. Der aus Hoffenheim stammende Sportfanatiker Hopp mästet nämlich nicht nur einen Dorfclub. Der Gründer des Sofware-Riesen SAP baut die Metropolregion um Heidelberg, Mannheim, Heilbronn seit Jahren zur Sportlandschaft samt Fußballhochburg für internationale Maßstäbe auf. "Hoffenheim", sagt der Bayern-Kaiser Franz Beckenbauer vor dem Bundesligastart, "wird mal einer unserer Hauptkonkurrenten werden."

Aus den Fenstern des Hoffenheimer Rathauses ragen blau-weiße Fahnen der TSG 1899. Über der Straße ist ein Transparent mit der Aufschrift "Bundesliga" gespannt, und auf Augenhöhe arbeitet Gisela Heinlein im Büro als Frau für alles. Sie findet schnell heraus, dass es neuerdings sogar eine Übernachtungsmöglichkeit für Fremde gibt, im Gästehaus Claudia. Die Frage nach einem Wirtshaus mit Zimmer wäre so vermessen wie die Bitte um eine andere Restaurant-Adresse als die der Döner-Bude. Nicht alles im 3500 Einwohner großen Ortsteil der Kleinstadt Sinsheim ist auf Bundesliganiveau.

"Manche glauben, hier sei ein Ufo gelandet"

Doch der Landmief spielt keine Rolle mehr. Bis Jahresende wird das Hoffenheimer Team im Carl-Benz-Stadion von Mannheim antreten, danach in der neuen, 60 Millionen Euro teuren Rhein-Neckar-Arena für 30.000 Besucher in Sinsheim. Hoch über der Stadt, mit Blick auf das Auto- und Technikmuseum und die Burg Steinsberg, wird noch gebaut. "Manche glauben, hier sei ein Ufo gelandet", sagt der Taxifahrer.

Dagegen spricht die Bodenständigkeit der Umgebung. Immer dienstags um 17 Uhr kommt Ortsvorsteher Karlheinz Hess, 56, zur Sprechstunde ins Hoffenheimer Rathaus. Er ist Landwirt, pflanzt in Hoffenheim Tabak für Zigarillos der Marke Dannemann; zurzeit fährt er mit fünf polnischen Hilfskräften die Ernte ein. "Geraucht wird noch genug", sagt er. Wie fast alle hier ist er Mitglied und Fan von 1899 Hoffenheim, wie man den Club unter Verzicht auf das Kürzel TSG für Turn -und Sportgemeinschaft als moderne Marke positionieren will. "Wir sind stolz, wenn man uns Dorfclub nennt", sagt Hess, "das macht uns einmalig."

Unweit vom Rathaus hat der Maurer Heribert Breunig die Fassaden seines Hauses blau-weiß gestrichen. Mit dem Vereinspräsidenten Hofmann, dem Chef einer 25 Mann starken Firma für Elektrotechnik, hatte er auf den Bundesligaeinzug der Hoffenheimer gewettet und der "Stromer", wie die Leute im Dorf Elektriker nennen, die Summe für die Farben dagegengesetzt. Das Backsteingebäude mit den Vereinsfarben und dem TSG-Wappen an der Front dient Kameraleuten als erstklassiges Motiv für den "fußballverrückten" Flecken.

Inzwischen glaubt auch der evangelische Gemeindepfarrer Werner Bär, 53, dass Fußball ein Dorf verändern kann. Viele Jahre begnügte er sich damit, Fremden die Geschichte seiner Orgel, einem 1846 von Eberhard Friedrich Walcker erbauten Prunkstück der Romantik, zu erzählen. Heute berichtet er, es sei "erschreckend", wenn Kinder im Religionsunterricht "nur noch Fußball abrufen". Kaum hatte er, selbst sportbegeistert, seinen Zweitklässlern gesagt, wo er herstammt, skandierte die halbe Klasse "SC Freiburg".

Professionell programmierte Jugendarbeit rund um Hoffenheim gehört zum Konzept des auch sozial engagierten Computer-Unternehmers Dietmar Hopp. Unter dem Motto "Anpfiff fürs Leben" baut er sein Jugendleistungszentrum aus. Trainer anderer Clubs, wie etwa vom VfB, mosern, Hoffenheim fördere nicht länger nur Talente aus dem Einzugsgebiet, sondern werbe junge Könner hochklassigen Vereinen ab.

"Kühe, Schweine, Hoffenheim"

Tatsache ist, dass der Landverein Baden-Württembergs Fußballszene aufmischt. "Wir sind Konkurrenz für den VfB", sagt Hoffenheims ehrenamtlicher Präsident Hofmann. Er erlebt die Aufbruchsstimmung wie kein anderer. "Als Handwerker weiß ich, auf wie vielen Baustellen wir gleichzeitig tätig sind." Wir unterhalten uns im Auto des Präsidenten auf dem Parkplatz des Trainingszentrums; der Presse-Container wird gerade umgebaut, und beim letzten öffentlichen Training vor dem Saisonstart der Hoffenheimer an diesem Samstag in Cottbus sorgen ein paar Reporter für Hektik.

"Bei Dietmar Hopp", sagt Hofmann, "ist das Herz dabei." Die Vernunft aber hat dem Geldgeber gesagt, auch das Trainingszentrum aus Hoffenheim auszulagern und um eine Geschäftsstelle zu ergänzen. Im benachbarten Nest Zuzenhausen entsteht "Hopps Säbener Straße", wie man im Dorf mit Blick auf die Münchner Machtzentrale des FC Bayern sagt. Rund um das heruntergekommene Herrenhaus "Altes Schlössel", vor der anstehenden Restaurierung eine Hardrock-Disco für Provinzler, wird repräsentativ für die große Pop-Oper Bundesliga gebaut.

In die Infrastruktur, sagt Hopp, investiere er seit jeher viel mehr als in neue Spieler. Er sei keiner wie der russische Öl-Gigant Abramowitsch, der sich mal eben den Londoner FC Chelsea als Spielzeug kauft. Als der ehemalige Fußballer Hopp 1990 bei seinem Heimatverein einstieg, spielte der Club in der Kreisliga, und erst nach sechs Regionalliga-Jahren schaffte er, mit dem ehemaligen VfB- und Schalke-Trainer Ralf Rangnick, den Durchmarsch in die Eliteliga. Noch sieht der Fuhrpark der Profis entsprechend zurückhaltend aus.

Das letzte öffentliche Training vor dem ersten Bundesligaspiel beobachtet auch Torsten Hartl, 38, "Torro" genannt. Der Kfz-Mechaniker ist Vorsitzender des vor sieben Jahren gegründeten, heute 170 Mitglieder starken Fanclubs Zwinger. "Kühe, Schweine, Hoffenheim", singen sie erdverbunden bei Spielen. Hinterm Tor des Trainingsplatzes sieht man den Misthaufen eines Bauernhofs. Früher, sagt Torro, waren sie näher an den Profis dran. "Aber es geht noch." Im Dorf selbst verliert der Fußball ohnehin an Glanz: Im Dietmar-Hopp-Stadion hoch oben im Wald spielen künftig nur noch die viertklassige zweite Mannschaft sowie Jugend- und Frauenteams. Dort darf auch weiterhin Horst Heinlein, 59, Betriebsrat der insolventen Ladenkette Medimax, als altgedienter Stadionsprecher auftreten. In der Bundesliga hat sich der Privatsender Radio Regenbogen die Rechte für die Stadionshow gesichert.

Die Hoffenheimer Bundesliga-Inszenierung, hofft der Ortsvorsteher Hess, könnte vielleicht bald den einen oder anderen Kneipenwirt und sportliche Touristen ins Dorf locken. Auch die Fanartikelbude rüstet auf. Neben Mützen und Schals wie bisher liegt erstmals blau-weiße Bettwäsche bereit.
 

Joe Bauer, aus Hoffenheim