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Verbesserungsvorschlag

Extrem nervige Sache

16.08.2008 - aktualisiert: 17.08.2008 19:43 Uhr

TU Chemnitz
Mitarbeiter wissen meist sehr genau, wie man Produkt und Arbeitsabläufe verbessern könnte.
Foto: dpa

Besseres Ideenmanagement würde den Unternehmen so manche Produktverbesserung und Einsparmöglichkeit aufzeigen
 

Stuttgart - Diese Prämie war schon mehr als ein Urlaubsgeld, die ein Mitarbeiter des Kohlekraftwerks Verde im vergangenen Jahr kassierte: 24.000 Euro. Er hatte die Idee, wie sich die Blöcke A und B nach einem verfeinerten Ablaufplan anfahren ließen. Sein Arbeitgeber, der Kraftwerksbetreiber Evonik Steag, griff den Gedanken auf und setzte ihn in die Tat um. Ergebnis: ein geringerer Energieverbrauch und damit weniger CO2-Emissionen sowie eine um eine halbe Stunde verkürzte Anfahrzeit. Auf eine Viertelmillion Euro beziffert Steag den Nutzen dieses Verbesserungsvorschlags.

Laut dem Deutschen Institut für Betriebswirtschaft (dib) betreiben 5000 Unternehmen in Deutschland ähnlich wie Steag ein institutionalisiertes Ideenmanagement. Das dib hat in seinem jährlich erscheinenden Report errechnet, dass sich der Nutzen von Mitarbeiterideen für die Unternehmen im vergangenen Jahr insgesamt auf 1,5 Milliarden Euro summierte. Mehr als 168 Millionen Euro schütteten die Betriebe als Prämien an ihre Beschäftigten aus. Tendenz steigend.

Laut einer Studie von EuPD Research vom vergangenen November ist trotz dieser beeindruckenden Zahlen aber noch viel Luft nach oben. Die Marktforscher kamen nämlich zu dem Schluss, dass nur gut ein Viertel der 500 umsatzstärksten Konzerne in Deutschland nach eigenem Bekunden tatsächlich ein modernes Ideenmanagement etabliert hat. Ein weiteres Fünftel der Befragten gab sogar zu, Ideen der Mitarbeiter überhaupt nicht zu erfassen. Kein Wunder, dass anlässlich der Ideenmanagement-Jahrestagung des dib Kritik an der deutschen Wirtschaft laut wurde: Jahr für Jahr vergeude sie Milliarden Euro an Einsparmöglichkeiten, weil die Kreativität der eigenen Mitarbeiter nicht ausreichend genutzt werde.

Die Führungskräfte sind in der Pflicht

Kienbaum-Berater Frank Dievernich bezeichnet manches betriebliche Vorschlagswesen als schlichtweg "gruselig". Einige Unternehmen hätten das Innovationsmanagement organisatorisch als Abteilung oder Projekt verankert. "Die Innovation ist also aus den täglichen Produktionsprozessen verbannt worden und damit nicht mehr Sache der Führungskräfte in der Linie", kritisiert Dievernich. "Die sollen stattdessen bitte schön die Effizienz ihres Bereichs steigern."

In einer solchen Situation empfänden die Fachbereiche Innovation aber sehr schnell als eine "extrem nervige Sache" - weil sie gar keine Zeit mehr haben, sich mit den Ideen zu befassen, die man an sie herantrage. Norbert Scharfenkamp, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Köln mit dem Schwerpunkt Personal- und Ausbildungswesen, sieht daher Unternehmensleitung und Führungskräfte in der Pflicht: "Sie müssen das Ideenmanagement als ihre Aufgabe begreifen." Nur dann werde es ein Erfolg.

Christiane Kersting ist Leiterin Ideen- und Innovationsmanagement beim dib, und sie schlägt in dieselbe Kerbe: "Das Ideenmanagement ist ein Seismograf für die tatsächlich gelebte Kultur in einem Unternehmen." Ein Vorgesetzter sollte den Erfolg eines Mitarbeiters auch als seinen eigenen Erfolg verstehen können. "Bekommt der Vorgesetzte dagegen zu hören, dass er auf diese Idee ja auch selbst hätte kommen können, läuft das dem Ziel des Ideenmanagements zuwider." Will ein Unternehmen ein Ideenmanagement einführen, kann es in Kerstings Augen mit 10.000 Euro und einer halben Stelle schon viel bewegen. "Das hängt natürlich stark von der Unternehmensgröße ab." Doch das sind nur die finanziellen Rahmenbedingungen.

Ohne Controlling funktioniert die Umsetzung nicht

Entscheidend ist die Umsetzung des Ideenmanagements im Arbeitsalltag. Davon kann Florian Waibl ein Lied singen. "Das Tagesgeschäft ist bei den Kollegen verständlicherweise immer wichtiger, deshalb müssen wir vom Verbesserungsmanagement darauf achten, dass eingereichte Vorschläge zügig bearbeitet werden." Waibl ist Leiter des Verbesserungsmanagements bei Deckel Maho, einem Unternehmen, das zum Werkzeugmaschinenhersteller Gildemeister gehört. In dieser Funktion ist er für die Verbesserungsvorschläge von rund 1200 Beschäftigten in Pfronten zuständig. Vergangenes Jahr haben 1120 Mitarbeiter rund 9700 Vorschläge eingereicht, von denen 8050 mit insgesamt 320.000 Euro prämiert worden sind. Deckel Maho konnte durch diese Ideen 1,6 Millionen Euro einsparen. "Unsere Zielvorgabe für jeden Mitarbeiter sind sechs Verbesserungsvorschläge im Jahr", erzählt Waibl. "Wobei wir nicht strafen, wenn jemand unter dieser Marke bleibt, sondern ihr Erreichen belohnen." Klare Zielvorgaben, ein nachvollziehbares Regelwerk, wie mit Verbesserungsvorschlägen zu verfahren ist, sowie die öffentliche Anerkennung für die einreichenden Mitarbeiter sind auch in den Augen von Peter Becker wichtig, damit Ideenmanagement funktionieren kann. Er ist beim Heiztechnikhersteller Viessmann am Standort Allendorf hierfür zuständig. Fürs vergangene Jahr kann er stolz auf 23.000 eingereichte Ideen verweisen, die dem Unternehmen Einsparungen in Höhe von knapp 1,1 Millionen Euro beschert haben.

"Das Ideenmanagement muss Teil der täglichen Arbeit sein, sonst klappt es nicht", sagt Becker. Dies bedeute aber auch, dass die Mitarbeiter, die eine Idee zu begutachten haben, schnell reagieren müssen. "Innerhalb einer Woche soll bei uns der Einreicher eine Antwort bekommen, ob der Vorschlag weiterverfolgt wird."

Auch bei Deckel Maho gibt es verbindlich festgelegte Fristen. Lässt jemand die Zeitspanne für die Bearbeitung des Vorschlags verstreichen, bekommt er automatisch eine Mahnung per Mail. Hakt es weiterhin, eskaliert die Sache, letztlich bis zur Geschäftsleitung. "Ein knallhartes Controlling ist zwingend erforderlich, sonst hapert es bei der Abarbeitung und Umsetzung der Vorschläge", sagt Florian Waibl. "Und so etwas spräche sich schnell im Unternehmen herum." Mit negativen Folgen. Ein Ideenmanagement, das in der Belegschaft einmal in Verruf gekommen ist, hat große Probleme mit der Glaubwürdigkeit, die das ganze Konzept zu Fall bringen können.
 

StZ/StN