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Kindergarten neben Straftätern

"Von den Jungs geht keine Gefahr aus"

19.08.2008 - aktualisiert: 19.08.2008 16:27 Uhr

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Erzieherin Marlene Neubert mit Kindern aus dem Seehaus
Foto: StN

Waldkindergarten entsteht aus Projekt mit jugendlichen Straftätern in Leonberg
 

Leonberg - Auf den ersten Blick erscheint die Idee abwegig: Der Jugendhof Seehaus eröffnet im September einen öffentlich geförderten Waldkindergarten. Damit werden Kleinkinder direkt neben jugendlichen Straftätern im freien Vollzug betreut. Doch die ersten Eltern von außerhalb haben ihre Kinder bereits angemeldet.

Tobias Merckle kann mit Vorurteilen umgehen. Der Geschäftsführer des Seehaus-Trägervereins Prisma - Initiative für Jugendhilfe und Kriminalprävention hat sich vor Jahren dem geballten Zorn einiger Leonberger ausgesetzt, als er seinen Plan eines offenen Jugendstrafvollzugs in dem historischen Gebäudeensemble am Glemseck vorstellte. Dank Justizminister Ulrich Goll und der Landesstiftung bringt Merckle dort seit 2003 trotzdem junge Diebe, Räuber und Schläger auf den rechten Weg.

Auch wenn vor zehn Tagen der erste "Insasse" in fünf Jahren die Chance zur Flucht ergriffen hat - der 17-Jährige war am Dienstag immer noch auf freiem Fuß - zieht Merckle positive Bilanz: 44 "Jungs", wie er sie fast liebevoll nennt, fanden bisher den Weg ins Seehaus. 19 holten ihren Hauptschulabschluss nach oder absolvierten das erste Lehrjahr für einen von 15 Bau-Berufen. 15 schickte Merckle zurück ins Jugendgefängnis Adelsheim, "oder sie gingen gleich freiwillig, weil sie den harten Arbeitsalltag nicht verkrafteten".

Der Erfolg ist also da, aber wer möchte deshalb gleich seinen Nachwuchs in einen Kindergarten auf dem Seehaus-Gelände geben? "Da geht keine Gefahr aus", sagt der 38-Jährige, "die Jungs leben hier ja auch mit den Familien ihrer Hauseltern auf engstem Raum zusammen." Das sei eben das Geheimnis des Erfolgs: "Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung." Delinquenten, die eine Gefahr für ihre Umgebung darstellen könnten, wie Sexualstraftäter oder Totschläger, nimmt die Einrichtung sowieso nicht auf. Zehn verurteilte Mehrfachtäter leben derzeit in drei Familien.

In einer davon entstand die Idee mit dem Kindergarten, berichtet Merckle. Der Familie Abrell, zurzeit im Urlaub, war der Weg zum nächsten Waldkindergarten in Silberberg zu weit, weshalb die Eltern ihre beiden Töchtern im Alter von zwei und vier Jahren zusammen mit dem Kleinkind einer Kollegin von einer privat angestellten Erzieherin betreuen ließen. Daraus wurde der öffentliche Kindergarten, schließlich bringt Prisma als anerkannter Träger der Jugendhilfe die rechtlichen Voraussetzungen mit. Außerdem bietet das Seehaus viele Möglichkeiten, etwa die Beschäftigung mit Tieren. So können die Kinder Hühner, Schafe, Schweine und Ziegen versorgen.

Die Betriebsgenehmigung vom Land ließ nicht lange auf sich warten, und auch der Gemeinderat von Leonberg konnte sich nach anfänglicher Skepsis dazu durchringen, 75 Prozent der Betriebskosten pro Jahr zu übernehmen. Schließlich bräuchte die Stadt unterm Engelberg dringend Betreuungsplätze für unter Dreijährige, sagte die zuständige Amtsleiterin Gabriele Schmauder. Nun schießt die Stadt jährlich knapp 50000 Euro zu.

Dafür entstehen 20 Plätze mit verlängerter Öffnungszeit (7.30-13.30 Uhr) für Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. 14 Plätze sind laut Merckle bereits besetzt, davon vier von Kinder, die im Seehaus wohnen. Der Rest kommt von Mitarbeitern von außerhalb und von anderen Leonbergern. Die beiden Erzieherinnen sind mit den Gegebenheiten des Jugendhofes zudem bestens vertraut, da sie bereits in anderen Funktionen in der Einrichtung gearbeitet haben.

Auf den zweiten Blick erscheint die Idee eines Waldkindergartens im Seehaus fast logisch.
 

Alexander Ikrat