München - Harald Lesch ist das neue Aushängeschild der ZDF-Wissenschaftssendungen. Der Astrophysiker aus München moderiert künftig einmal im Monat "Abenteuer Forschung". Im Interview verrät er, wie er die Relativitätstheorie ganz einfach erklärt und warum er an Außerirdische glaubt.
Herr Lesch, können Sie für uns einen Bericht über die Relativitätstheorie so moderieren, dass es normale Menschen verstehen?
Gern. Solange ich alleine im Universum bin, brauche ich keine Relativitätstheorie, aber sobald man zu zweit ist, denn Menschen müssen sich verabreden können. Die Relativitätstheorie ist eine Theorie von Verabredungen. Jeder hat ja eine Uhr, und wir müssen erklären können, was geschieht, wenn Menschen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen - was ich machen muss, wenn wir beide uns morgen pünktlich um 17 Uhr am Rande des Universums treffen wollen. Das leistet die Relativitätstheorie. Guten Abend, herzlich willkommen bei "Abenteuer Forschung".
Kompliment! Welches Konzept verfolgen Sie mit Ihrer neuen Sendung?
Von der Qualität her würde ich gern so etwas produzieren, wie das Dossier in der "Zeit". Will ein Zuschauer etwas über ein Thema wissen, schaut er sich eine Ausgabe an, danach ist er sauber und klar informiert. Keine Panikmache, aber auch kein Abwiegeln.
Wer sucht die Themen aus?
Ein achtköpfiges Team von Redakteurinnen und Redakteuren gemeinsam mit mir. Da die Kollegen in Unterföhring arbeiten, ist das für mich sehr komfortabel. Es ist nur ein Katzensprung entfernt. Vom Institut hier in der Scheinerstraße bin ich in sieben Minuten im Studio.
Die Sendung wird monothematisch, war das ihr Anliegen?
Ja. Ich habe keine Lust, ein Potpourri vorzustellen. Dann hätte das ZDF sich einen x-beliebigen Moderator einkaufen können, der zwischen den Beiträgen seine zwei Sätzchen abliefert. Ich bin sowohl bei der Konzeption der Sendung als auch bei den Beiträgen involviert. Ein Beispiel: Wir bereiten etwas über Meere vor. Was mich umtreibt, ist die Frage, wie die Ozeane entstanden sind. War es ein Soda-Meer, aus dem Salzwasser wurde, oder war es von Anfang an Salzwasser. Das ist für die Entstehung des Lebens ganz wichtig, denn Soda ist basisch, also eine Lauge. Diesen Aspekt wollte ich unbedingt berücksichtigt haben.
Haben Sie sich beworben oder wurden Sie gefragt?
Das war ganz witzig. Ich habe eine E-Mail und danach einen Telefonanruf erhalten und dachte zunächst, die haben sie nicht mehr alle. Das ist doch nicht das ZDF, das muss "Vorsicht Kamera" sein. Für mich kam das völlig überraschend.
Wie lange läuft ihr Vertrag?
Zunächst für ein Jahr. Dann sehen wir weiter. Ich will nicht das Gefühl bekommen, dass mich der Moloch Fernsehen auffrisst. Ich muss immer wieder mit meinem Schiffchen zurück auf meine Insel hier am Institut und meinen Kram machen dürfen. Wenn es gut läuft, steht einem Weitermachen nichts im Weg.
Wie nähert sich der Physiker Lesch einem fachfremden Thema, etwa der Stammzellforschung?
Da bin ich natürlich stärker auf meine Redaktion angewiesen. Spannend fände ich zu fragen, ob wir uns nur als Aneinanderreihung von Molekülen verstehen oder ob wir mehr sind als biochemischen Einheiten. Mich würde interessieren, welche Forderungen eine Gesellschaft an Forschungseinrichtungen stellen muss und wohin die Stammzellforschung tatsächlich führt.
Können Sie sich aus der ethischen Debatte raushalten?
Nein, ich werde ganz klar meine Meinung sagen.
Und Gegenwind in Kauf nehmen?
Selbstverständlich. Wir haben freie Bahn. Unter Umständen machen wir mal eine Sendung, die pro Atomkraft ist, wer weiß. Es wurden Reaktorkonzepte entwickelt, aber bisher nie umgesetzt, obwohl sie einen großen Teil des Müllproblems lösen könnten, weil der radioaktive Abfall noch mal gespalten wird. Es entstünden Isotope, die viel schneller zerfallen. Nur ist dieses Konzept teuer.
Ärgern Sie sich manchmal über die Ignoranz der Politik gegenüber der Wissenschaft, etwa beim Klimawandel?
In der Politik erleben wir immer wieder, das der eine etwas meint, der zweite glaubt und der dritte versucht, Lücken in den Vorschriften auszunutzen. Bei den Naturgesetzen spielen Meinungen und Interpretationen aber keine Rolle. Es geht schlicht darum, Vorgänge zu kennen, zu wissen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben und dann Entscheidungen zu treffen. Ich erläuterte das mal an einem simplen Beispiel. Wird Wasser warm, nimmt es ein größeres Volumen ein. Unabhängig davon, ob weiter Eis schmilzt oder nicht, wird durch die Erhöhung der mittleren Temperatur auf unserem Planeten das Wasser in den Ozeanen wärmer und der Meeresspiegel steigt. Das ist ein ganz elementarer Zusammenhang, einfacher geht's nicht. Ich verstehe nicht, dass manche Politiker dennoch granatenhart versuchen, ein Auto mit Tempo 180 um eine 90-Grad-Kurve zu lenken.
Die ersten Sendungen sind thematisch bereits eingetütet, sagten Sie. Spielt Ihre Fachdisziplin, die Physik, eine Rolle?
Nein, es wird keine Astronomie geben, wenigstens nicht am Anfang. Aber es könnte eine lange Nacht der Wissenschaft geben, vielleicht im Dezember, aber das ist noch nicht spruchreif.
Wie erklärt sich der Boom von Wissenschaftssendungen, auch bei den Privaten?
Ich bin heilfroh, dass dort erkannt wurde, mit Wissenschaft lässt sich Geld verdienen, lassen sich Zuschauer anziehen. Das jüngere Publikum schaut eben eher Private. Das ist ein Faktum. Punkt. Wenn Sender wie Pro Sieben oder Sat1 solche Formate produzieren, ist das wundervoll und muss unbedingt unterstützt werden.
Das ZDF hat aber eine andere Zielgruppe.
Unser Publikum sollte sich geneigt zeigen, konzentriert zuhören zu können und nicht nach zwei Minuten wieder umzuschalten. Da haben es die Privaten schwieriger. Sendungen wie "Galileo" oder "Planetopia" müssen Themen entsprechend reißerisch aufbereiten. Aber solange es als trojanisches Pferd dient, um Wissenschaft und damit Bildung zu vermitteln, ist mir das recht. Bildung und Gerechtigkeit sind für mich die stabilisierenden Säulen einer Demokratie.
Könnten Sie sich vorstellen wie ihr Vorgänger Joachim Bublath eine "Knoff-Hoff-Show" zu moderieren, also Wissen humorvoll zu präsentieren?
Für mich kommt das nicht in Frage, ich bin theoretischer Physiker. Mich mit Experimenten in Zusammenhang zu bringen, hat schon an der Universität nicht funktioniert, wird im Fernsehen auch nicht klappen. Ich bin sicher, wir proben das 100-mal, und es geht immer glatt. Und wenn es ausgestrahlt werden sollte, weiß ich ganz genau, es geht in die Hose.
Die Frage nach Aliens darf bei Ihnen nicht fehlen. Glauben Sie an Außerirdische?
Von der Position des Wissenschaftlers würde ich sagen, die Naturgesetze, die auf der Erde gelten, gelten überall im Universum, also kann es auch Plätze geben, an denen Ähnliches passiert ist wie auf der Erde.
Sie meinen Lebensformen auf Kohlenstoffbasis, wie wir Menschen?
Was anderes kann es nicht geben. Dazu gehört übrigens ein interessanter Aspekt, an den man so gut wie nie denkt. Wir kennen alle chemischen Elemente, die es im Universum gibt. Alle! Das ist irre. Also müssen wir einfach nachschauen, welche Elemente lange Moleküle bilden, denn Lebewesen sind ja nicht einzelne Atome, sondern lange Ketten von Atomen. Nur Kohlenstoff oder Silizium kommen dafür in Frage. Lebensformen auf Siliziumbasis hätten jedoch eine viel zu lange Entwicklungszeit. Es muss Kohlenstoff sein. Auf den Planeten darf es nicht zu heiß und nicht zu kalt sein, und es sollte ein entsprechendes Lösungsmittel zur Verfügung stehen, nämlich Wasser.
Wie viele Planeten kommen dafür in Frage?
In der sogenannten bewohnbaren Zone unserer Milchstraße existieren 10.000 bis 100.000 dieser Planetensysteme. Ziemlich viele also. Die Wissenschaftler suchen dort nicht nach grünen Männchen, sondern nach Hinweisen, dass ein globaler biochemischer Prozess im Gange ist. Auf der Erde spielt dabei Ozon eine elementare Rolle. Das entsteht, weil ständig Sauerstoff nachgefüttert wird, der wiederum durch die Photosynthese produziert wird. Fänden wir Ozon-Absorptionslinien, man beachte den Konjunktiv, dann wäre ich bereit, einen Kiste Champagner darauf zu wetten, dass wir nicht alleine sind im Universum sind.
Wie könnten Aliens aussehen?
Das hängt vom genetischen Code ab. Bisher kennen wir nur das Baukastenprinzip hier auf der Erde. Gäbe es nur diesen einen Code, und gelten die Naturgesetze tatsächlich im gesamten Universum, dann ist der Außerirdische auch nur ein Mensch und kocht auch nur mit Wasser.
Klingonen oder Vulkanier aus "Raumschiff Enterprise" könnten demnach ziemlich nah an der Wirklichkeit sein?
Ich denke nicht, dass es Zufall ist, dass wir Menschen aussehen, wie wir aussehen. Die Natur verwirklicht etwas meist, wenn maximale Leistung bei möglichst geringem Aufwand erzielt wird, wenn sozusagen das Preis-Leistungs-Verhältnis optimal ist. Wir haben Sensoren für das Licht des Sterns, um den die Erde kreist, unsere Augen. Unsere zentrale Prozessoreinheit, das Gehirn, ist möglichst weit vom Boden entfernt, damit sie nicht so leicht zerstört werden kann. Wir sind gesammelte Erfolgsrezepte der Evolution. Der kurzsichtige Affe ist nicht unser Vorfahr, der ist am Ast vorbeigesprungen.
Wer ist Ihr Lieblingsaußerirdischer in der Reihe der Hollywood-Aliens?
Meister Yoda aus "Star Wars".
"Abenteuer Forschung" Mittwoch, 3.9, 20.15 Uhr, ZDF. Thema: Die Rohstoffkrise
Fragen von Reimund Abel