Aus Frust über Arbeitsbedingungen zogen Christian Karcher und Familie von Stuttgart nach Melbourne
Stuttgart/Melbourne - Es gibt Momente im Leben der Familie Karcher, da wünscht sie sich, sie wäre nie gegangen. Das Frühstück ist so ein Moment. Alles steht auf dem Tisch. Marmelade, Käse, Wurst, Brot. Nur keine Brezeln. Die fehlen. "Es gibt in Australien keine vernünftigen Brezeln", sagt Christian Karcher.
In seinem alten Leben wäre er schnell zum Bäcker gegangen und hätte welche besorgt. Das war in Stuttgart-Degerloch. Doch dieses Leben wollte Karcher (33 Jahre) nicht mehr haben. Weder er noch seine Frau Annette (33). Der kleine Vincent (2) freute sich über den Neuanfang. Auch ohne Worte.
Christian Karcher hatte jahrelang als Klinikarzt am Tübinger Uni-Krankenhaus geschuftet. Mindestens 60 Stunden jede Woche. Tagelange Bereitschaftsdienste wurden vorausgesetzt. Und das für ein Gehalt, das der junge Klinikarzt für reichlich unfair hielt. Im Sommer 2006 protestierten er und seine Kollegen gegen die Arbeitsbedingungen Zu tausenden gingen sie in ganz Baden-Württemberg auf die Straßen. Doch Karcher war zu diesem Zeitpunkt bereits ganz woanders. Er wollte nicht nur dem Frust entfliehen, sondern suchte auch nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Am Royal Melbourne Hospital im australischen Melbourne fand er sie. Und griff zu. Im Sommer 2007 machte er sich auf nach "down under", acht Kilometer von Melbourne entfernt mieteten die Karcher ein kleines Haus.
"Wie geht es Ihnen in Australien?", fragt man ihn am Telefon - mit der Skepsis des Daheimgeblieben und dem Verdacht, es könne einem gar nicht richtig gut gehen, 16000 Kilometer von Stuttgart entfernt, weg von Verwandten und Freunden. "Es geht mir gut, wir haben uns gut eingelebt", antwortet er dann, und es klingt ehrlich.
Die ersten harten Wochen nach der Ankunft hört man ihm gar nicht mehr an. Denn obwohl Karcher vor dem Abschied aus Stuttgart noch einen Englisch-Test absolvierte, tat er sich anfangs schwer mit der neuen Sprache im neuen Land. Vor allem, wenn es um medizinische Fachbegriffe ging. "Wenn anfangs der Mikrobiologe anrief und mir Befunde durchgab, standen mit die Schweißperlen auf der Stirn", sagt Karcher. Doch nach acht Wochen hatte sich die sprachliche Unsicherheit gelegt. Und noch einmal ein paar Monate später bot ihm seine Chefin einen unbefristeten Vertrag an. Für Karcher geriet Australien zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine davon nutzt er bereits. Mit einem so genannten Fellowship am Royal Hospital lässt er sich zum Facharzt ausbilden. Danach darf er sich Oberarzt nennen. Nicht, dass Karcher auf Titel aus wäre. Aber der Aufstieg bedeutet für ihn deutlich mehr Gehalt. Mit Hierarchien nehmen es die Kollegen sowieso nicht so ernst, berichtet er. "Chefarzt, dann Oberarzt und dann das Fußvolk - diese Einteilung gibt es hier nicht." Als Jungmediziner fühlt er sich ernst genommen, das Zusammenspiel mit den Vorgesetzten erfolge auf Augenhöhe. "Das der Chefarzt dem Oberarzt vorschreibt, wie er eine Narkose zu setzen hat - das gibt es hier nicht."
Aus Sätzen wie diesen klingt immer auch die Enttäuschung über die Zustände in deutschen Kliniken durch. Denn, dass der Chefarzt dem Oberarzt sagt, wie er die Narkose zu setzen hat - das habe es in Tübingen durchaus gegeben. Überhaupt: Auch nach einem neuen Tarifvertrag für die deutschen Klinikärzte, habe sich an deren Situation wenig geändert. "Ich höre viel Frustration, wenn ich mit meinen alten Kollegen telefoniere." Ja, sagt Karcher dann, natürlich tue ihm das leid für die ehemaligen Weggefährten. "Auf der anderen Seite bin ich aber froh, dass ich mich damit nicht mehr herumplagen muss." Stattdessen muss er jetzt nur noch 43 Stunden in der Woche arbeiten - streng geregelt. Auch die Überstunden fallen weg. Fünf davon hat er bisher gemacht - über ein Jahr verteilt.
Es scheint, als lösten sich in Australien alle Probleme wie von selbst. Brezeln backt die Familie mittlerweile einfach selbst - inklusive dem Zusammenmischen der Lauge. Und die Schwierigkeiten mit der neuen Sprache hat Sohn Vincent auf ganz eigene Weise bewältigt. Seit drei Wochen besucht er einen englischsprachigen Kindergarten in der Nähe von Melbourne. "Vincent versteht immer, was die Kindergärtnerinnen von ihm wollen", sagt Karcher - aber antworten tut er immer noch auf Deutsch."