Anzeigen gegen Wissenschaftler
Zweifel an der Seriosität von Studien
11.09.2008 - aktualisiert: 12.09.2008 17:54 Uhr
Zwei Anzeigen gegen Wissenschaftler wegen des Verdachts des Missbrauchs akademischer Titel
Stuttgart - Ein Professor aus Stuttgart ist ins Zwielicht geraten. Professor Dr. Henner Ertel, der Leiter des "G.P.R. Institut für Rationelle Psychologie", ist ein Psychologieexperte, der mit seinen Untersuchungen häufig zitiert wird. Doch jetzt hat Ertel ein Problem. Gegen ihn besteht der Verdacht des Missbrauchs akademischer Titel.
Man hat den Eindruck, Henner Ertel weiß alles, was so in der Grauzone zwischen Hirn und Hoden passiert und geeignet ist, für Gesprächsstoff zu sorgen. Und deshalb beliefern er und sein Institut seit Jahren die Medien mit seinen Erkenntnissen. Abgedruckt wurden sie in "Bild" ebenso wie im "Focus", im "Stern", in "Men's Health". So hat Ertel 1998 herausgefunden, Sex im Flugzeug habe "signifikant zugenommen", oder dass zwei Drittel der CDU/CSU-Wähler Frauen mit großer Oberweite bevorzugen.
Bahnbrechend dürfte auch Ertels Erkenntnis aus dem Jahr 2005 gewesen sein, dass jeder Mensch auf einfachste Weise innerhalb von 36 Wochen seine Intelligenz um 27 Prozent steigern könne. Er müsse nur aerobes Bewegungstraining mit Lernen kombinieren. Selbst die Formel für den optimalen Lernpuls verriet Ertel damals in einem großen Interview mit dem Magazin "P.M.": "Ruhepuls und Alter addieren, die Summe halbieren und das Ergebnis von 160 abziehen." Ein 48-Jährigen mit 66 Ruhepuls lernt demnach am besten, wenn er seinen Puls auf 103 Herzschläge pro Minute bringt. Im Klartext heißt das wohl, dass Jogger mit Puls 130 weniger dazulernen als Spaziergänger oder Schaufensterbummler.
Inzwischen aber werden Zweifel an der wissenschaftlichen Reputation von Ertel laut. So hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart jetzt auf Anfrage bestätigt, dass gegen Ertel zwei Strafanzeigen wegen des Verdachts des Missbrauchs akademischer Titel vorliegen. "Das wird jetzt überprüft", sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.
Unter den Schlagzeile "Für dumm verkauft" und "Dubioser Professor, unglaubliche Studien" nährten zuletzt auch die Wochenzeitung "Die Zeit" und "Spiegel Online" Zweifel am "G.P.R. Institut für Rationelle Psychologie" und ihrem Leiter.
Ertel reagierte auf der Homepage des Instituts mit einer "Gegendarstellung" und einer "Richtigstellung der wahrheitswidrigen Behauptungen und Verleumdungen." Doch diese Richtigstellung bleibt vorerst das Geheimnis von Ertel. Wer sich für den Text interessiert, muss sich auf der Homepage registrieren lassen - und sich dann in Geduld fassen. Denn die versprochene Richtigstellung bleibt aus. Oder sie wird nur gegen Abgabe einer Geheimnisvereinbarung verschickt.
Auch Henner Ertel ist nicht zu sprechen. Das Sekretariat seines Instituts in Stuttgart teilt nur mit, dass in dieser Angelegenheit ausschließlich Henner Ertel selbst unter einer Telefonnummer in der Schweiz Auskünfte erteilt. Dort aber bricht bereits nach den ersten Klingeln die Verbindung regelmäßig zusammen.
Eine andere Spur von Henner Ertel führt an die Uni Hohenheim. 2004 legt er eine Studie über den Body-Maß-Index von Männern geordnet nach den 50 größten Städten Deutschlands vor, in der die Rostocker das größte Gewicht auf die Waage brachten und die Hamburger das geringste. Als Adresse ist in diesem Papier das "G.P.R. Institut für Rationelle Psychologie, Web World Center im Zentrum für innovative Produktentwicklung IBH Universität Hohenheim" genannt.
"Damit spiegelt Ertel vor, er habe etwas mit der Uni Hohenheim zu tun", sagt Hochschulsprecherin Johanna Lembens-Schiel. Diese Verbindung aber habe es nie gegeben. "Das Web World Center, dessen Geschäftsführer Ertels Sohn ist", war von 2000 bis 2005 bei uns Mieter", sagt IHB-Chef Stefan Wiedmann. Zu keinem Zeitpunkt seien dabei öffentliche Subventionen an Ertel oder die Firma seines Sohnes geflossen.
Klaus Eichmüller