Neues Quartier mit Einkaufszentrum geplant
Stuttgart - Das triste Quartier an der Paulinenbrücke soll ein völlig neues Gesicht bekommen. Die Württembergische Lebensversicherung plant einen Komplex mit Büros, Wohnungen und Handel. Kernstück soll ein Einkaufszentrum sein. Bei der Stadt gibt es viel Zustimmung, aber auch leise Bedenken.
Ein Augenschmaus ist das Areal zwischen Sophien-, Marien- und Tübinger Straße bis hin zur Paulinenbrücke nicht gerade. Das soll sich ändern. Unter dem Arbeitstitel "Quartier S" plant die Württembergische Lebensversicherung AG dort einen gewaltigen Neubau. Dazu hat sie neben dem eigenen Gebäude noch mehrere Nachbarhäuser erworben. Offiziell bestätigen mag man das Projekt zwar noch nicht, aber Sprecherin Dörte Lochner äußert sich vielsagend: "Es gibt Pläne für eine Umgestaltung des Gebiets."
Die sind bereits sehr konkret. "Die Württembergische erwirbt das Areal fast komplett", sagt Detlef Kron, Leiter des Stadtplanungsamts. Ausnahme seien die Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen wie die Auferstehungskirche oder das Eckgebäude an der Tübinger Straße.
Entstehen soll auf der rund 14.000 Quadratmeter großen Fläche ein Komplex mit 10.000 bis 12.000 Quadratmetern für Wohnungsbau und einem etwa 24.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrum mit Supermarkt als Kernstück. Dazu kommen Gastronomie, Büros und eine Tiefgarage mit rund 1000 Stellplätzen. "Zurzeit bereiten wir einen städtebaulichen Wettbewerb vor", beschreibt Kron den Stand der Dinge.
"Die Innengestaltung steht schon weitgehend fest", sagt Kron. Die Shoppingmeile soll aller Voraussicht nach unter dem Motto "Abenteuer und Sport" stehen. Ihr Zentrum soll ein entsprechendes Themenkaufhaus bilden. Erschlossen wird sie durch eine diagonale Passage von der Marienstraße zur Paulinenbrücke. "Wir werden aber Wert darauf legen, dass es auch auf der Außenseite Ladenflächen und den ein oder anderen Zugang mehr geben wird", betont Kron.
Die Neugestaltung des Areals stößt auf viel Zustimmung. "Diese Ecke ist bisher schwierig und nicht optimal genutzt", sagt Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, "dort kann es nur besser werden." Wirtschaftsförderer Klaus Vogt nennt das Projekt "eine konsequente Stadtentwicklung" und sieht Vorteile für die angrenzenden Bezirke Süd und West: "Der Komplex wird dort die Versorgung verbessern und das Stadtzentrum abschließen." Kron hofft, auch die Anbindung der Marienstraße mit der Innenstadt durch "einen Magneten als Eckpunkt" verbessern zu können.
Die Paulinenbrücke selbst steht derzeit nicht zur Disposition. "Man würde sie heute zwar nicht mehr so bauen", sagt Kron, "aber Abrisspläne gibt es nicht." Wohl aber werde der Wettbewerb zur Umgestaltung ihres Umfeldes zurückgestellt, bis die Pläne klar sind. Kienzle warnt bereits: "Man muss auch auf das urbane Leben und die Vorstellungen dort Rücksicht nehmen. Da steckt viel bürgerschaftliches Engagement drin."
Bedenken gegen das Projekt gibt es wenig. "Sicher ist die Sache natürlich erst, wenn die politischen Gremien entschieden haben", sagt Vogt, "aber ich glaube, dass das Projekt voll auf der Beschlusslinie des Gemeinderats liegen wird." Schließlich sei eine Mischform aus Handel, Arbeiten und Wohnen vorgesehen. "Ich denke deshalb, dass sich die Diskussionen vorwiegend an der Architektur orientieren werden."
Dennoch melden einige Beteiligte sachte Einwände an. "Bei aller Freude denke ich auch an die Bauphase", sagt Veronika Kienzle, "es gibt bald keine Ecke in der Innenstadt mehr ohne Baustelle. Das muss man logistisch hinbekommen." Und Kron merkt angesichts der Projekte Stuttgart 21 und Da Vinci an: "Bei all den großen Einzelhandelsobjekten, die geplant sind, muss man auch die Frage stellen, wie viel Verkaufsfläche die Innenstadt noch verträgt." Experten warnen bereits jetzt, dass das gesunde Maß überschritten sei. Auch die jüngste Überarbeitung des Stuttgarter Einzelhandelskonzepts durch das Lörracher Büro Acocella sieht keinen großen Bedarf mehr in der City.
Wann die Bagger anrücken, steht noch nicht genau fest. "Der Zeithorizont hängt von vielen Dingen ab, vieles ist noch ungewiss", sagt Dörte Lochner. Allzu lange dürfte es aber nicht mehr dauern. Dem Vernehmen nach laufen viele Mietverträge in dem Quartier Ende 2009 aus. Dieser Zeitraum wäre auch gut für den Baubeginn geeignet, rechnet Vogt vor: "Es ist ja alles da. Es gibt einen Investor, Grundstücke und einen Architektenwettbewerb. Die Faustregel bei solchen Projekten lautet: Ein Jahr nach dem Wettbewerb beginnt der Bau."
Zunächst aber soll das Projekt den politischen Gremien vorgestellt werden. Am 23. September wollen sich die Bezirksbeiräte Mitte und West die Pläne in einer gemeinsamen Sitzung anhören, eine Woche später soll das Thema im Gemeinderat diskutiert werden. Wenn die Vorzeichen nicht täuschen, könnte es danach ganz schnell gehen mit Stuttgarts neuer Abenteuerwelt.
Jürgen Bock