In Stuttgart wird die Innenstadt neu geplant – Bedroht ist dabei auch das als Gestapo-Zentrale genutzte ehemalige Hotel Silber
Stuttgart - Stuttgart verändert sich weiter - "Da Vinci" ist eines der Großprojekte in der Innenstadt betitelt. Im Schulterschluss mit Land und Stadt bemüht sich das Kaufhaus Breuninger um eine Neuordnung des Areals zwischen den bestehenden Breuninger- Gebäuden, der Sporer-, der Münz-, der Doro- theen-, und der Hauptstätterstraße. Inmitten der geplanten Neubebauung liegt das Haus Dorotheenstraße 10, das ehemalige Hotel Silber. Dieses im gemäßigten, im 19. Jahrhundert in Stuttgart besonders gepflegten Neo- Renaissance-Stil gebaute, halbwegs die Zerstörungen des Krieges überstandene Haus ist eines der letzten Gebäude dieser Stilart in Stuttgart.
Soll das Hotel Silber gerettet werden?
Gemeinsam mit dem barock-klassizistischen Waisenhaus wird ein in dieser von Krieg und Planung heimgesuchten Stadt noch eine Ahnung Alt-Stuttgarts, ein Stück "begehbares Gedächtnis" vermittelt. Noch wichtiger: Dieses Haus ist ein eminent wichtiger Ort historischen Erinnerns unserer jüngeren Geschichte, das durch den beabsichtigten Abriss ausgelöscht werden würde.
1845 als Gasthaus "Zum Bahnhof" an der zunächst noch namenlosen, dann, vom ersten württembergischen König Friedrich I. nach seiner Mutter, der Herzogin Dorothea, benannten Dorotheenstraße hinter dem Alten Schloss gebaut, wurde der Bau 1858 "Zum Bayrischen Hof" erweitert, 1874 als Nobelhotel von Heinrich Silber ausgebaut und bis 1919 als "Parkhotel Silber" betrieben - als "Haus ersten Ranges". Dort stieg die bessere Stuttgarter Gesellschaft ab, feierte ihre Festivitäten, ihre Hochzeiten, der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) wurde dort gegründet. Doch nach dem Ersten Weltkrieg war die gute Zeit der Nobilität vorbei, die wechselvolle wenig erfreuliche Geschichte des Hauses begann. Von 1919 bis 1928 zog die Generaldirektion der Posten und Telegraphen, die Deutsche Reichspost, ein, von 1928 bis 1937 beherbergte es die Polizei mit ihrem Präsidium. Die Dorotheenstraße wurde 1938 in Wilhelm-Murr-Straße, nach dem damaligen Reichstatthalter, ebenso wie die benachbarte Planie in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Von 1937 bis 1945 folgte die Geheime Staatspolizei der Nazis. Von 1945, nach Wiederherstellung des beschädigten Hauses, Sitz der Stuttgarter Polizei, die 1984/85 dem benachbarten Innenministerium weichen musste.
Von der "Machtergreifung" im Januar 1933 an wurde das Haus zunehmend zum Ort der schlimmsten Verbrechen in dieser Stadt. Bereits am 19. Juni 1933 wurde der letzte Staatspräsident des Landes Württemberg in der Weimarer Republik, Reichstagsabgeordneter des Zentrums, Eugen Bolz, wegen seiner Teilnahme am Parteitag der Christlich Sozialen in Österreich, dort vorgeladen, verhört, gedemütigt, beschimpft, mit Unrat beworfen, in "Schutzhaft" genommen und auf dem Hohenasperg eingesperrt. Als Mitglied des Widerstands des 20. Juli 1944 wurde er am 23. Januar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Für Kurt Schumacher, den späteren Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, die Literatin und Kommunistin Lilo Hermann, die Widerstandskämpfer Georg Schwenker, Lina Haag, für Juden, Sinti und für viele andere Nazi-Gegner war es die erste Station auf ihrem Leidensweg. Noch wenige Tage vor Kriegsende am 13. April 1944, OB Strölin übergab am 22.April 1945 die Stadt den einmarschierenden französischen Truppen im Gasthaus Ritter in Degerloch, wurden vier Personen in den noch heute bestehenden Kellern des Gebäudes erhängt. Leider steht das Gebäude nicht unter Denkmalschutz. Unverständlich, dass Orte und Gebäude meist nur aus Alters-, aus ästhetischen, nicht auch aus geschichtlichen Gründen rechtzeitig unter Denkmalschutz gestellt werden.
Und nun soll dieser geschichtsträchtige Ort, Schauplatz menschenverachtenden, verbrecherischen Handelns, der Abrissbirne zum Opfer fallen. Markus Sorg vom Finanzministerium: "Der Entwurf für so ein neues Viertel macht nur einen Sinn, wenn das Hotel Silber weg ist. Ein Verlustgeschäft können wir nicht machen, wir sind dem Steuerzahler verpflichtet." Unsensibler geht es nicht. Steuerzahler sind auch politische Bürger, deren Belange und Interessen das Land wahrnehmen muss. Nach Paragraph 2,1 des Denkmalschutzgesetzes heißt es: "Kulturdenkmale sind Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht." Es gibt wohl keinen Ort in unserer Stadt, an dessen Erhalt ein höheres "öffentliches Interesse" besteht als das Hotel Silber. Die Stadt Köln hat bereits 1981 das sogenannte El-De-Haus, das im "Dritten Reich" dieselbe Funktion, Gestapostelle Köln, zu erfüllen hatte wie die Dorotheenstraße 10 in Stuttgart, vor dem Abriss bewahrt und die zehn Zellen des Gestapogefängnisses restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Daneben ist eine Dokumentenschau eingerichtet, in der nicht nur über die grauenhaften Geschehnisse in diesen Räumen, sondern auch über Ereignisse in dieser Zeit in Köln informiert wird.
Ein derartiger Ort fehlt in Stuttgart. Das Versetzen der lieblos im jetzigen Eingangsbereich angebrachten Gedenktafel in einen Neubau mit der Inschrift "Wir gedenken der Opfer des Unrechts mit dem Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat" ist zu wenig. Nun ist die letzte Gelegenheit gegeben, einen Ort des Erinnerns, der Besinnung, der Dokumentation und Information in den "den Bomben widerstandenen, gewölbten Kellerräumen, in denen die Gefangenen ihre Haft verbüßten" und "ermordet wurden" (Schreiben des Kulturamts Stuttgart vom November 1981), einzurichten.
Die unsensible, geschichts- und pietätlose Diskussion über einen eventuellen Abriss des Gebäudes, die sich nur um Gebrauchsnutzen, nicht um Bedeutungs-, gesellschaftlichen, kulturellen Nutzen kümmert, sollte schnellstens beendet werden. Die Politik ist gefordert, ihre Pflicht und Verantwortung gegenüber den vergangenen und zukünftigen Generationen wahrzunehmen, zu beschließen, das Gebäude bestehen zu lassen und eine Gedenkstätte einzurichten. Das Ziel: Voraussetzungen für ein attraktives, innerstädtisches, seiner Geschichte verpflichtetes Viertel zu schaffen.