Beim letzten Spiel des VfB gegen den KSC am 23. Februar ging es heiß her – solche Szenen sollen sich nicht wiederholen
Foto: Moritz
In 15 von 18 Bundesligastädten sind Sozialarbeiter im Einsatz - Vor Derby gegen KSC Angst vor Randale
Stuttgart - Das Derby VfB gegen KSC weckt nicht nur Vorfreude - es schwelt auch die Angst vor neuerlichen Ausschreitungen. In 15 der 18 Bundesliga-Städte gibt es Fan-Projekte gegen die Gewalt in und um Fußballstadien. Aus Sicht des VfB-Anhängerverbands wäre dies auch in Stuttgart nötig.
Die Bilder vom letzten Derby sind noch präsent. Am 23. Februar fliegen Feuerwerksraketen durchs Daimler-Stadion, Sitze und Toiletten werden demoliert, nach dem Spiel prallen Randalierer aus beiden Lagern aufeinander, 24 Gewalttäter werden festgenommen. Die Polizei rüstet auf. Doch repressive Maßnahmen allein reichen nicht aus, um das Gewaltpotenzial im Fußball in den Griff zu bekommen.
Zu diesem Schluss kam der Deutsche Fußball Bund (DFB) bereits 1993 und entwickelte ein nationales Konzept für Sport und Sicherheit. In der Folge wurden Fan-Projekte gegründet, in denen Sozialarbeiter Fans bei den Spielen begleiten und sich ihrer Probleme auch abseits der Stadien annehmen. Inzwischen gibt es in ganz Deutschland 41 solcher Fan-Projekte, 15 der 18 Erstliga-Städte haben solche Einrichtungen. Die Jahresetats von 160000 Euro werden jeweils zu einem Drittel von DFB, Stadt und Land finanziert. Sie sind also unabhängig von den jeweiligen Fußballvereinen. Baden-Württemberg ist jedoch das einzige Bundesland in Deutschland, das diese Fan-Projekte nicht fördert. In Karlsruhe übernahm deshalb die Stadt den Anteil des Landes.
Stuttgart gehört dagegen neben Hoffenheim und Mönchengladbach zu den drei Erstliga-Städten, in denen es solche Fan-Projekte mit hauptamtlichen Sozialarbeitern nicht gibt. Holger Weidelich, der Vorsitzende des VfB-Anhängerverbandes, bedauert diesen Zustand: "Es besteht eindeutig der Bedarf für ein Fan-Projekt." Zusammen mit drei weiteren Kollegen kümmert sich der 33-Jährige ehrenamtlich um die Betreuung der Fans. Sie organisieren gelegentliche Jugendfahrten zu den Spielen und versuchen im Fanblock und bei den Auswärtsfahrten deeskalierend auf die Anhänger einzuwirken. "Doch da wir das alles nebenher machen, stoßen wir schnell an unsere Grenzen", so Weidelich. Man könne nicht erwarten, dass ein Kollege nach einem Achtstunden-Tag noch bei den Fanclubs vorbei schaut oder am Spieltag arbeitet. Hauptamtliche Sozialarbeiter könnten dies hingegen leisten. Er verweist auf gewachsene Strukturen in anderen Städten, wo sich Vertreter der Fan-Projekte, der Vereine und der Polizei zu Sicherheitsbesprechungen regelmäßig treffen. Zudem böten die Fan-Projekte Anlaufstellen, wo Sozialarbeiter Kontakte mit den Fans knüpfen könnten.
Stefan Zierer, im Jugendamt für den Jugendschutz zuständig, sieht allerdings keinen Bedarf: "In Stuttgart ist das nicht nötig." Die Landeshauptstadt verfüge über ein sehr dichtes Netz von Jugendhilfe. In den Stadtteilen würden Jugendliche mit mobiler Jugendarbeit und in Jugendhäusern betreut, "und zwar besser als in einem Fan-Projekt". Zudem betont Zierer, dass auch in Stuttgart die Polizei, Stadtverwaltung und Jugendhilfe regelmäßig Gespräche führen. "Wenn die Polizei sagt, wir haben ein Problem, können wir reagieren." Doch das sei nicht der Fall. Da ohnehin die meisten Fans aus dem Umland kämen, wäre es sinnvoller, die Vernetzung mit den Behörden in den Kreisen voranzubringen und dort präventiv zu arbeiten. Zierer gibt aber zu bedenken, dass viele der gewaltbereiten Fans gar keine Jugendliche mehr sind. Streitschlichter könnten da auch nicht viel ausrichten, "wenn jemand 25 ist, im Beruf steht und auf Randale hofft". Da hat Holger Weidelich allerdings andere Erfahrungen gemacht. Der Sozialarbeiter erinnert sich an eine Auswärtsfahrt nach Frankfurt, wo er zwischen Polizei und Fans vermitteln konnte, "sonst wäre es dort wahrscheinlich losgegangen".
Der VfB Stuttgart hält sich weitgehend aus der Diskussion heraus. Generell stehe man einem Fan-Projekt positiv gegenüber, sagt Fan-Beauftragter Ralf Klenk. "Wir können das aber nicht fordern, das müssen die politischen Gremien entscheiden."
Marko Belser