Vampirklassiker aus dem Jahr 1979: Klaus Kinski und Isabelle Adjani in "Nosferatu – Phantom der Nacht"
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Von Filmfans, Lifestylern und "Blut-Trinkern"
Stuttgart - Sie nennen sich "Gothic", "Dracula" oder "Vampirin". In den Chatforen von Internetseiten wie "vampir-club", "vampyrbibliothek", "aeterni" oder "vampyrjournal" ist die Fangemeinde unter sich. "Ich lass mir Vampirzähne machen", schreibt jemand mit Pseudonym "Leila". "Ich hab leider nur so Plastikdinger aus nem Scherzartikelladen", antwortet "Rotes Blut". "Wenn ich mir richtige machen lasse, kriegen meine Eltern 'nen Kollaps und schicken mich endgültig zum Psychiater."
Künstlich angespitzte oder verlängerte Eckzähne sind innerhalb der Gothic-Szene todschick. Der Haken ist nur: Beim Anschleifen wird der Zahnschmelz beschädigt, Bakterien können in den Zahn eindringen. Krankenkassen warnen vor einer "Selbstschädigung mit Langzeitfolgen". Zum Glück gibt's für Liebhaber spitzer Beißer Alternativen. "Fänge zum dranstecken würd ich schön finden", meint Chatterin "Blood". "Aber da ich einen leichten Überbiss habe, dürfte das nicht sehr ästhetisch aussehen."
Die Internet-Chatter gehören zu einer bunt-bizarren Szene, deren Anhänger fasziniert sind vom morbid-verführerischen Charme der Kino-Untoten um Graf Dracula und die sich selbst "Vampire" nennen. In Deutschland hat sich in den letzten Jahren - als Teil der Gothic- und Dark-Wave-Subkultur - der Vampirismus herausgebildet.
Im Volksglauben und in der Mythologie ist der Vampir eine Blut saugende Nachtgestalt, die übernatürliche Kräfte besitzt. Moderne Vampire kokettieren nur mit der düster-melancholischen Aura ihrer fiktiven Vorbilder. Der Vampirismus beschränkt sich für sie vor allem auf Ästhetik und Accessoires wie Kleidung, Schminke, Schmuck. Einige aber identifizieren sich so sehr mit ihren Leinwand- und Buchhelden, dass sie sich selbst für eine Art lebenden Vampir halten.
Die Vampirszene in Deutschland ist quicklebendig. Ihre Anhänger sind im Internet, auf Gothic-Partys und -Festivals sowie in Szene-Discos anzutreffen. Experten schätzen die schwarze Szene auf 50.000 bis 100.000 Personen. Aus diesem soziokulturellen Milieu stammen die selbst ernannten Vampire. Weil sich aber die Vampirszene nach außen abschottet, sind Informationen über ihr Innenleben kaum zu bekommen.
Vampirismus ist ein Dauerbrenner. Die Internetsuchmaschine Google listet beim Stichwort "Vampir" 5,76 Millionen Treffer auf. In Stuttgart hat das Musical "Tanz der Vampire" Zuschauer in Scharen angezogen. Auch in der Belletristik boomt es. Die "Bis(s)"-Triologie der US-Jugendbuchautorin Stephanie Meyer ist bisher sieben Millionen mal verkauft worden. In TV-Serien und Kinofilmen wie "Bram Stokers Dracula" (1992) oder "Interview mit einem Vampir" (1994) treiben die Untoten ihr Unwesen. Bram Stokers "Dracula" und Anne Rice "Interview mit einem Vampir" genießen in der dunklen Szene Kultstatus.
"Vampire outen sich nicht, sie wollen unerkannt bleiben"
Mark Benecke, Kriminalbiologe und "Vampirologe"
Schwarz bestimmt den Dress-Code in der gesamten Szene. Das Interesse an Partys und Musik wie Electronic Body Music, Dark Metal oder Electro-Goth haben Vampire mit anderen Szenegängern gemeinsam. Viele fühlen sich auch von Friedhöfen, Gräbern und Grüften magisch angezogen.
Das Vampir-Spektrum ist facettenreich und bizarr. Es reicht von harmlosen Bücher- und Filmfans über Rollenspieler und Lifestyler, die in Vampirrollen schlüpfen, bis hin zu so genannten Blutfetischisten. Nur sehr wenige sind "Sanguine", die wirklich Blut austauschen und okkult-magische Praktiken ausüben.
Vampirfans gehen in der schwarzen Szene fast völlig unter, so dass selbst Insider sie kaum von anderen Gothic-Anhängern unterscheiden können. Nach Ansicht des Kölner Kriminalbiologen Mark Benecke hat dies einen einfachen Grund: "Vampire outen sich nicht, weil sie unerkannt bleiben wollen."
Der Wiesbadener Politologe Rainer Fromm geht davon aus, das es sich bei der Vampirszene um einen "großen Personenkreis handelt, der sowohl real wie virtuell verknüpft ist, durch Vereine, Homepages, Stammtische, Rollenspiele, Vampirfilm-Festivals und Lesungen aus Vampirromanen".
Anhänger seien in der ganzen Gothic-Szene und in allen Alters- und Berufsgruppen zu finden, erklärt "Vampirologe" Benecke. Sie treffen sich in "schwarzen Hangouts, ihren Anlaufstellen in den Städten" wie Berlin, Leipzig, Frankfurt, Köln, oder München. Stuttgart ist nach Einschätzung eines Kenners der hiesigen Szene eher "vampirfreie Zone".
Wer den Vampirismus richtig ernst nimmt, nennt sich "Vampyr". Der Buchstabe "y" dient als Abgrenzung zu bloßen Rollenspielern und Feierabend-Vampiren. "Vampirismus ist ein Lebensgefühl", betont Benecke, der seit zehn Jahren in der Gothic- und Vampir-Szene ein uns aus geht. "Viele von ihnen leben im Schatten. Sie schlafen am Tag, sind in der Nacht unterwegs. Sie haben Nachtberufe wie Krankenpfleger. Und manche glauben, dass sie reale Vampire sind."
Die Wiege des Vampirglaubens liegt bekanntermaßen in Transsylvanien. Aber die Blutsaugerlegenden sind sehr viel älter. "Schon der antike Volksglaube, kannte eine große Zahl blutrünstiger Ungeheuer", erläutert der Mythenforscher Hans Meurer. "Natürlich gibt es keine wirklichen Vampire, nur pathologische Fälle in allen Bereichen".
In den 80er Jahren blühte die Vampirliebe auf. Großen Anteil daran hatte die US-Autorin Anne Rice. Der Kult ist zwar abgeklungen, doch keineswegs blutleer. "Vampire gibt es", meint Benecke, der im Nebenberuf Präsident der deutschen Sektion der Transsylvanien Society of Dracula ist. "Sie sind lebendig, sehen nicht schlecht aus und denken öfters an Blut und Hälse". Wenn Vampirfans so ausgeprägte Individualisten sind, was verbindet sie? "Ihnen allen fehlt Energie. Die müssen sie sich bei anderen holen", sagt Benecke. Auch in Form von Blut. "Blut-Trinker" seien in der Szene eine "winzige Minderheit". Eigenes Blut trinke kein Vampir, da dies ja auch "energiearm sei". Benecke: "Sie schneiden andere freiwillige Spender -Donoren -, ritzen sich oder nehmen mit einer Kanüle Blut ab."
"Und die Haut: Je weißer, desto besser"
Anonyme junge (Vampir-)frau
Blut ist das Zeichen für Leben - und Hälse sind für Vampire hocherotisch. Was ist an einem Hals so faszinierend? "Die Haut", verrät eine junge (Vampir-)frau. "Und die Vorstellung, dass Blut fließt und man das Pochen spürt. Und die Haut: Je weißer, desto besser."
Blutfetischismus und die Vorstellung, ein echter Vampir zu sein, gehören eindeutig in den Bereich der Psychopathologie und des so genannten klinischen Vampirismus. Beim Berliner Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité sieht man im Vampirismus einen sexuellen Fetischismus und eine "seltene Paraphilie", in deren "erotischen Fokus" das Blut stehe. Das heißt: "Blut-Trinker" werden beim Trinken und Riechen von Blut sexuell erregt.
Für Christoph Wagenseil vom Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes in Marburg sind die Grenzen zwischen "Life-Style-Trend und Sadomasochismus" fließend. "In krassen Einzelfällen gibt es Anhänger, die Menschenblut trinken. Aber für die meisten geht es eher um eine dunkle Ästhetik und Philosophie." Wie Roman Schweidlenka, österreichischer Sektenexperte aus der Steiermark, stellt auch Wagenseil eine Zunahme des Vampirkultes gerade unter Jugendlichen fest. Es gebe verstärkt Anfragen von Eltern und Lehrern.
Die Sorgen sind nicht unbegründet. So hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 2005 das Vampirismusbuch "Noctemeron - Vom Wesen des Vampirismus" auf den Index gesetzt. Das Okkult-Werk darf Minderjährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden. Sein Inhalt wirke "verrohend und zu Verbrechen anreizend." Der Autor, "Frater Mordor", sieht den Vampir als "Übermenschen" und "Non-Plus-Ultra der menschlichen Entwicklung".
Ingolf Christiansen, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, warnt: Vampirismus sei eine "sexuelle Obsession und gefährliche Okkultideologie". Seine Anhänger wollten "gottähnlich, gottgleich und unsterblich werden". Wer sich als Vampir versteht, wolle "andere beherrschen, ihre Energie rauben, sie aussaugen".
Für die zersplitterte deutsche Vampir-Gemeinde ist das Internet die zentrale Anlaufstelle und Kontaktbörse. Die Foren quellen über von Beiträgen zu Bluttrinken, zu Lifestyle oder Fashion. "Für mich ist Vampirsein der Style, die Dunkelheit, und ab und zu ein wenig Blut ist auch nicht schlecht", schreibt Chat-Pseudonym "Lacrima". Und "Lost-Soul" antwortet auf die Frage, ob sich Vampire outen sollten: "Glattes Nein. Die Welt ist noch nicht reif für uns."
Forensiker Benecke ist fasziniert von der Szene. Vampire seien "melancholische Außenseiter", die in der Anonymität der Städte untertauchten. Er sei mit einigen Vampiren befreundet. "Die sind super angenehm. Von denen kann ich viel lernen."
Kritischer sieht Experte Fromm den Vampirismus. Dort fänden sich "sehr manifeste Jugendgefährdungen" wie sexuelle Gewalterfahrung oder soziale Entfremdung. Das Vermögen zwischen realer und fiktionaler Welt zu unterscheiden, drohe bei manchen verloren zu gehen. So kann der Vampirspaß in einer Psychose enden. "Ein Ausflug in das Vampirgenre kann durchaus mit erheblichen Traumatisierungen verbunden sein."
Markus Brauer