Drucken

Allen Unkenrufen zum Trotz

Die Sehnsucht nach Zweisamkeit

11.10.2008 - aktualisiert: 10.10.2008 17:48 Uhr

Singles streben nach Partnerschaft
 

Was ist das? Jung, aktiv, gebildet, konsumfreudig; gerne auch weiblich und nach Männern lechzend? Ja, das kann doch nur ein Single sein. Werbung und Serien wie "Sex and the City" deklinieren ihn tagtäglich in den schönsten Lebenslagen. Dazu etwas Speeddating, Flirttipps, TV-Verhaltensbiologie - und schon befürchten selbst Pärchen das Ende ihrer Zweisamkeit: Wir sind umsingelt.Sind wir das?

Natürlich wissen wir, dass die Fernsehwirklichkeit selten unser Leben widerspiegelt. Eine Studie des Grimme-Instituts von vor zwei Jahren belegt, dass in deutschen TV-Filmen mehr als doppelt so viele Singles auftreten als in der Realität. Und auch das Image des selbstbewusst-konsumfreudigen Alleinstehenden hat gelitten. Bewunderten viele vor zwei Jahrzehnten deren Lebenslust und Chuzpe, werden heute Singles misstrauisch beäugt. "Inzwischen gelten sie eher als einsame, entsolidarisierte Defizitwesen", sagt der Mainzer Soziologe Stefan Hradil, Verfasser des Standardwerks "Die Single-Gesellschaft" (1995). "Das Single-Leben ist vom Leit- zum Leidbild geworden."

Doch wer ist eigentlich ein Single? Die Statistik zählt hierfür die Einpersonenhaushalte - unabhängig davon, ob es einen Partner mit einer eigenen Wohnung gibt. Der aktuelle Mikrozensus 2007 führt bundesweit 14,9 Millionen Alleinwohnende auf - rund 19 Prozent der Bevölkerung. In Großstädten wie Stuttgart sind es fast 50 Prozent. Außerdem werden bundesweit mehr als vier Millionen Witwen und Witwer und Hunderttausende Studenten einberechnet. Konzentriert man sich auf die 25- bis 55-Jährigen, schrumpft die vermeintliche Single- Gesellschaft selbst in der ohnehin fragwürdigen Statistik auf circa zehn Prozent. Ganz abgesehen davon, ob sich vermeintliche Singles selbst als Singles bezeichnen würden.

Bernd Kittlaus (51) bringen deshalb Zahlenwerke regelmäßig in Rage. Nicht nur, weil er statistisch gesehen ein 50-prozentiger Single ist, was er "ziemlich absurd" findet. Der studierte Sozialwissenschaftler arbeitet in Mannheim, wohnt deshalb in einem eigenen Apartment in Heidelberg und pendelt 14-täglich zu seiner Partnerin in die gemeinsame Wohnung nach Paderborn. 2006 hat er das Buch "Die Single-Lüge" publiziert und betreibt noch immer die kritisch-spöttische Webseite www.single-generation.de.

Besonders übel stößt Kittlaus die nationalkonservative Zielrichtung mancher Forscher auf. Diese hätten in der Vergangenheit die Single-Statistiken in die Höhe frisiert und Singles besonders während der Debatte um die Kinderlosen stigmatisiert. Ein klares Ablenkungsmanöver für eine Familienpolitik, die bis zum Amtsantritt von der Leyens vor drei Jahren verfehlt gewesen sei, betont Kittlaus. "Solange aber Singles als Bedrohung gesehen werden, leben wir in einer blockierten Gesellschaft. Da werden wichtige Energien verschleudert." Zum Glück habe die Debatte jüngst an Schärfe verloren. "Aber die Forschung ist noch immer zu wenig differenziert", klagt er. "Und kaum einer untersucht: Was sagen eigentlich die Betroffenen dazu?"

Jutta B. (31) sagt: "Vielleicht bin ich zu gut für die Leute, das finden zumindest meine Freunde." Seit drei Jahren wohnt die lebenslustige Angestellte der Stadt Stuttgart alleine. Bindungsunfähig sei sie deswegen nicht. Bereits dreimal hatte sie langjährige Beziehungen. "Anfang 20 hatte ich gedacht: Mit 25 Jahren heirate ich meinen Freund, mit 30 haben wir zwei Kinder", sagt sie. "Dann war ich 25, und mein Freund hatte eine andere. Aber das hat mich selbstständiger gemacht. Heute bin ich auf keine Hilfe mehr angewiesen."

Vor 55 Jahren hätte sich Jutta B. in Stuttgart wohl kaum ein Single-Leben leisten können, noch wäre es gesellschaftlich akzeptiert gewesen. Zu dieser Zeit bestimmte der Ehemann über Wohnsitz und Bankkonto seiner Frau. Auch in der DDR waren Singles praktisch tabu - der Staat hätte sie gar nicht mit genügend Wohnungen, Kühlschränken und Autos versorgen können. Außerdem boten die Familien neben den Kirchen oft die einzige Nische jenseits der Staatsdoktrin. Heute ist das Single-Leben in West wie Ost auch für Frauen möglich und akzeptiert.

Manche kritisieren gar, sie hätten mit maßlosen Ansprüchen an den Partner die Männer gar überflügelt. "Unsinn", sagt Jutta B. "Ich bin nicht zu anspruchsvoll. Und ich bin kompromissbereit. Aber ich weiß, was ich will und was nicht. Und ich sehe heute früher, wo es haken könnte." Dennoch gibt sie die Hoffnung nicht auf. Sie gehe oft aus, verbringe viel Zeit in ihrem großen Freundes- und Bekanntenkreis, suche neue Kontakte. Wie übrigens die Mehrzahl der Singles. Es sei ein Mythos, dass unsere Gesellschaft wegen der Singles zu vereinzeln drohe, betont Soziologe Hradil. "Ich kann keine Tendenzen erkennen, die in der Gesellschaft zu mehr Einsamkeit und mehr Alleinsein führen. Und die Wunschvorstellungen der Singles gehen meist klar in Richtung Familie."

Erleben wir also keine Single- Gesellschaft, sondern einen Wandel des Beziehungsverhaltens? "Es gibt mehr und kürzere Beziehungen", bestätigt der Dresdner Soziologe Karl Lenz. "Die Menschen wollen aber Partnerschaften - denn von ihnen profitieren sie am meisten. Über Singles redet man so viel, weil sie polarisieren."

Was heißt: Die Rede von der SingleGesellschaft beschreibt weniger eine statistische Größe, sondern drückt - je nach Standpunkt - eine Wunsch- oder Angstvorstellung aus. Für die Wirtschaft ist sie derzeit eine Idealvorstellung, schließlich gelten Singles als besonders aufgeschlossen für neue, gut gestylte wie hochpreisige Produkte. Mehr als sechs Millionen Deutsche benutzten im vergangenen Jahr im Monatsschnitt Partnerbörsen; Speeddating und Single-Reisen sind inzwischen Allgemeingut, und das Fitnessstudio ist längst zum Kontakthof avanciert. Am eindrücklichsten ist aber ein Gang durch einen durchschnittlichen Supermarkt: Statt des berüchtigten Schlemmerfilets à la Bordelaise legen Singles überteuerte Kleinportionen Rucola, Carpaccio, Penne, Sushi und Smoothies in die Einkaufskörbe.

Auf Kleinwohnungen beschränken sie sich allerdings kaum - solange es die Finanzen erlauben. Singles gelten deshalb als Wohnraumfresser. Mehr Ein- und Zweizimmerwohnungen zu bauen wäre wenig effektiv. Alleinlebende wünschen sich oft lieber den Altbau mit Stuckdecke, heißt es von einem Makler. Und nicht selten sei die Hoffnung auf den künftigen Wohnpartner "so groß wie der bereits gut gefüllte Besteckkasten".

Oliver S. (41) hat sich nicht deswegen in Frankfurt am Main eine größere Wohnung zugelegt. Der gebürtige Bietigheim-Bissinger würde aber jederzeit in eine gemeinsame Wohnung ziehen, denn er will kein Single mehr sein. "Diejenigen, die mit Ende 30 verlassen wurden, leiden am meisten", sagt er. Der Kommunikationsexperte ist selbst das beste Beispiel dafür. Nicht nur, weil Männer mit dem Alleinsein schlechter zurechtkommen und aktiver nach Partnern suchen, wie Studien aus der Scheidungsforschung belegen. Er wäre einfach bereit gewesen: "Mit Ende 30 hatte ich eine langfristige Partnerin, einen Führungsposten, viel Geld. Ich wollte Verantwortung übernehmen, wünschte mir Kinder", sagt Oliver S. "Ich war glücklich."

Dann wurde seine Freundin krank. Sie trennte sich deswegen von ihm, kurz darauf starb sie. Oliver S. trauerte lange und überlegte kurz: Was ist, wenn ich allein bleibe?

"Die Wunschvorstellung vieler älterer Singles ist es, Wohngemeinschaften zu gründen", sagt Soziologe Hradil. "Die Pflege ist von den gesellschaftlichen Folgen des Single-Lebens am brisantesten." Bundesweit beschäftigen sich deshalb die Kommunen mit der Frage, wie sie mit den alternden Alleinstehenden künftig umgehen. In Stuttgart plant man längst nicht nur Mehrgenerationenhäuser. Die Stadt will Hausgemeinschaften stärken, regt Nachbarschaftshilfen an, setzt auf eine gute Infrastruktur in den Stadtteilen. "Wir wollen, dass die älteren Singles möglichst lange in kein Pflegeheim müssen", sagt Günter Stürmer, Projektleiter "Demografischer Wandel". "Wir gestalten diesen Prozess aktiv."

Auch Oliver S. ist wieder aktiv geworden. Er hofft auf Freundesfreunde im Bekanntenkreis, hält bei der Arbeit die Augen offen, surft in den Single-Börsen. Die Momente des Alleinseins möchte er schnell wieder vergessen. "Das größte Problem für mich sind die einsamen Urlaube", sagt er. "Aber Single-Reisen wären für mich die Kapitulation. Doch das habe ich früher auch über Single-Börsen gesagt."
 

Daniel Gräfe