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Anstieg der Drogentoten

Mehr Heroin, weniger Waschpulver

Viele Drogentote sterben an Heroin.
Foto: dpa

Stuttgart - Nach Jahren des Rückgangs ist die Zahl der Drogentoten in den ersten neun Monaten des Jahres erstmals wieder gestiegen - und zwar um satte 20 Prozent. Die Gründe sind vielfältig.

134 Opfer in neun Monaten - die neuesten, am Dienstag veröffentlichten Baden-Württemberg-Zahlen haben für Verwunderung gesorgt. Ging die Zahl der Drogentoten doch jahrelang nur in eine Richtung - nämlich zurück. Zumal es sich bei der Kehrtwende um keinen Baden-Württemberg-Trend handelt, sondern die Entwicklung - mit regionalen Unterschieden - bundesweit zu beobachten ist.

Bei vielen Opfern handelt es sich um an einer Überdosis Heroin gestorbenen Russlanddeutschen, womit man schon beim ersten Erklärungsversuch angelangt ist. Die Neigung zu Drogen, gerade zu harten Drogen, ist bei Spätaussiedlern traditionell stark ausgeprägt. Integrationsprobleme, der Anbau in der Heimat sowie der hiesige Handel, der sich fest in russischer Hand befindet, gelten als entscheidende Gründe.

Viele, die nach dem Ende der Sowjetunion Anfang der 90er nach Deutschland gekommen und in die Drogensucht geschlittert sind, sind jetzt am Ende ihrer Drogenlaufbahn angelangt - was wiederum den Ausschlag in der Toten-Statistik erklärt.

Noch immer sind unter den Heroin-Einsteigern überdurchschnittlich viele Russlanddeutsche. Martin Gauly, stellvertretender Leiter der Heroinambulanz der Arbeiterwohlfahrt Karlsruhe, schätzt ihre Zahl auf ein Drittel bis die Hälfte. An den Problemen der Russlanddeutschen habe sich leider nicht viel geändert, sagt der Sozialarbeiter.

Dafür am Stoff, der ihr Leben häufig viel zu schnell zum Ende bringt. Das derzeit auf den Straßen verkaufte Heroin enthält einen ziemlich hohen Wirkungsgrad. Das heißt, der angebotene Stoff enthält mehr als den üblichen 5- bis 10-prozentigen Opiat-Anteil. Mitunter sind es 15 Prozent reines Heroin.

Das ist von der Verträglichkeit her zwar besser, weil ein Opiat wie Heroin eng mit körpereigenen Endorphinen verwandt ist und es die Streckstoffe (Waschpulver, Zement) sind, die häufig schwere Entzündungen an den Venen verursachen. Heroin führt aber schneller zum Tod, da es Atemstillstand verursachen kann. "Viele sterben an einer Überdosis, weil sie alleine konsumieren", sagt eine Sprecherin des Stuttgarter Sozialministeriums.

Das Gefährliche sei, dass man nie genau wisse, wie sich das weiße Mischpulver zusammensetzt. Die Stärke lasse sich weder am Geruch noch am Geschmack erahnen. Nach einem Schuss kann alles vorbei sein. So starben einige der Konsumenten auch unmittelbar nach der Entlassung aus der Haft oder der Therapie. Das Sozialministerium hat die Suchthilfeeinrichtungen des Landes über das Vorkommen hochprozentigen Heroins unterrichtet. Am Mittwoch tagte die Arbeitsgruppe Substitution, "um zu verhindern, dass die Zahl der Drogentoten noch weiter steigt", wie die Sprecherin sagt.

Warum zurzeit höherprozentiges Heroin auf den Straßen gehandelt wird, erklären sich Experten mit dem verschärften Kampf um Marktanteile. Offensichtlich ist die Droge erschwinglich geworden. Laut einem Sprecher des Landeskriminalamts ist dies aber keine neue Erscheinung.

Dass eine Zeit lang höher dosiertes Heroin auf den Markt kommt, habe es schon immer gegeben. Die größere Reinheit des verkauften Stoffes könnte auch die Erklärung für eine andere, an sich erfreuliche Entwicklung sein- dass nämlich der Konsum illegaler Rauschmittel zurückgegangen ist - deutschlandweit binnen eines Jahres um fünf Prozent.
 

Gregor Preiss

15.10.2008 - aktualisiert: 15.10.2008 17:55 Uhr

 



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