Familienbetriebe für Fischzucht und Seenfischerei gibt es auch in Baden-Württemberg
Stuttgart - Krabbenfischer Karl Schlömer sticht morgens kurz nach vier Uhr von Cuxhaven aus in See. Sein Kutter, die Seerose, ist 16 Meter lang und hat zwei Meter Tiefgang. Schlömer steht im Steuerhaus und schaut auf die Geräte. Er ist 58 Jahre alt, ein stämmiger Mann mit dunklem Stoppelhaar. Auf den beiden Radarschirmen leuchten helle Punkte. Das sind Gebäude in Cuxhaven und andere Schiffe auf der Elbe. Kurz vor der Mündung ist der Fluss sehr breit, das Wasser salzig, so dass sich die Krabben wohlfühlen. Das Navigationsgerät zeigt vier Knoten an, 7,4 Stundenkilometer. Schlömer fährt mit der Flut aus dem Alten Fischereihafen hinaus. Dadurch spart er Geld.
Die hohen Dieselkosten machen auch den Fischern zu schaffen. Für eine Tagestour braucht Schlömer 250 bis 300 Liter. Er muss genau rechnen. "Vor zehn Jahren galt die Regel, dass es sich ab 1000 Mark Umsatz pro Tag lohnt." Inzwischen seien 1000 Euro nötig. Die Kosten für Versicherungen, Reparaturen und anderes mehr seien drastisch gestiegen. Trotzdem erzielen Krabbenfischer in den alten Bundesländern nach Angaben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Umsatzerlöse von durchschnittlich 148.000 Euro pro Jahr.
Kurz nach fünf Uhr lässt Schlömer die beiden Netze zu Wasser. Krabben leben auf dem Grund des Gewässers. Je nach Tages- und Jahreszeit sind sie mal vor Cuxhaven besser zu fangen, mal in der Nähe von Sylt. Morgens gehen besonders viele Krabben ins Netz. "Da sind sie ausgeschlafen und hungrig", witzelt Schlömer. Er verkauft seinen Fang an Heiploeg, einen Großhändler aus den Niederlanden, der auch Aldi und Lidl beliefert. Die Firma setzt pro Jahr 15 bis 20 Millionen Kilo ungeschälter Tiere um. Fast der gesamte Fang wird zum Abpulen per Lkw nach Marokko geschickt und wieder zurück nach Europa. Drei Kilo ungeschälte Krabben ergeben ein Kilo geschälter. Schon an Bord werden die Tiere in heißem Wasser gegart, um sie haltbar zu machen.
Auf der Seerose übernimmt diese Aufgabe Werner Schmitz. Der 40-Jährige ist ungelernter Arbeiter und bei Schlömer angestellt. Er kippt die Krabben in mehreren Schüben in eine Art Friteuse, die im heißen Wasser hängt. Anschließend sortiert eine Maschine sie nach Größen. Eine Schicht auf dem Krabbenkutter dauert bis 18, 19 Uhr. Schlömer und Schmitz stehen auch bei rauem Wetter auf Deck. Erst von Mitte Dezember bis Anfang März haben sie Winterpause und bleiben an Land.
Schwäbische florierende ForellenproduktionKarl Schlömer ging bei seinem Großvater in die Lehre und ist seit zwanzig Jahren selbstständig. Oft kommt der Fischernachwuchs aus Familien, wo der Beruf seit vielen Generationen ausgeübt wird. "Häufig werden auch die Ausbildungsstellen an Kinder von Fischern vergeben", sagt der Biologe Philipp Oberdörffer. Wer sich ernsthaft und frühzeitig um einen Platz bemühe, habe aber auch dann eine Chance, wenn seine Eltern Landratten sind. Der 33-jährige Oberdörffer arbeitet als Fischereiberater bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.
Er erzählt, dass in seinem Bundesland 500 Personen von der Küstenfischerei leben. Von jedem Kutter sind in der Regel zwei Familien abhängig: die des Besitzers und die seines Angestellten. Wie viel sie fangen, das schwankt von Jahr zu Jahr. "Viele Faktoren sind noch nicht genau erforscht", sagt der Fischereiberater. Die Witterung spielt eine Rolle - und auch die Bestände anderer Fische. Junge Krabben sind die Lieblingsspeise von Wittling und Kabeljau. Wenn da starke Jahrgänge heranwachsen, bekommen es die Krabbenfischer zu spüren. Und auch der Preis im Großhandel schwankt. Doch wer Fischer werden will, braucht nicht in den Norden zu fahren. Auch in Süddeutschland gibt es Ausbildungsstellen. Jörg Rapp vom Verband der Berufsfischer und Teichwirte Baden-Württemberg spricht von einer "florierenden Forellenproduktion".
Pro Jahr werden im Bundesland 7000 Tonnen gefangen, viele davon in Familienbetrieben. Forellen gedeihen, wo frisches Quellwasser aus dem Boden tritt. Dort haben sich auch die Züchter niedergelassen. Karpfen gibt es hingegen eher in Bayern und Sachsen.
Am Bodensee sind 150 Existenzen von der Fischerei abhängig. Doch diese Fischer fangen nur noch halb so viel wie vor 20 Jahren. "Einige Familien betreiben zusätzlich Gastronomie", berichtet Andreas Göppinger, Bodenseefischer in Langenargen. "Andere kaufen vom Großhandel Fisch dazu und stellen sich dann auf den Markt."
Die Wasserqualität des Bodensees hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Weil er als Trinkwasserreserve und Erholungsort erhalten bleiben soll, wurden strenge Umweltschutzrichtlinien durchgesetzt. Aufgrund dessen gelangt weniger Phosphor in den Boden und ins Wasser. Doch dadurch gibt es auch weniger Plankton, das über eine lange Nahrungskette die Ernährungsgrundlage für Blaufelchen und Barsche ist, die wichtigsten Fische im See. Sie wachsen langsamer, und die Erträge sind geringer. "Doch es gibt kein Zurück mehr zu den Zeiten, in denen viel Phosphor in den See eingeleitet wurde", davon ist Göppinger überzeugt.
Besseres Bodenseewasser bedeutet weniger FischeFischer gehört zu den ältesten Berufen, schon in der Bibel taucht er auf. In der neuen Bezeichnung Fischwirt, die im Amtsdeutsch verwendet wird, schwingt der Stolz dieser langen Tradition nicht mehr mit. Der Nachwuchs hat die Möglichkeit, sich zwischen drei Spezialisierungen zu entscheiden: Fischhaltung und Fischzucht, Hochsee- und Küstenfischerei sowie Seen- und Flussfischerei. Für alle drei Zweige dauert die Ausbildung drei Jahre.
In der Hochsee- und Küstenfischerei findet man so gut wie keine Frauen. "Fischer sind recht antiquiert in ihren Ansichten", weiß Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Nach wie vor kursierten alte Sprichwörter wie: Wenn eine Frau an Bord ist, geht etwas kaputt ... In der Binnenfischerei sind die Frauen stärker. "Sie sind auch sehr tüchtig", lobt Veterinär Jörg Rapp vom baden-württembergischen Verband der Berufsfischer.
Wer sich für die Ausbildung interessiert, sollte auf jeden Fall über eine kräftige Konstitution verfügen und sich darauf einrichten, große Teile seines Berufslebens im Freien zu verbringen. Wenn es von November bis März stürmt und schneit, sind die Forellenzüchter in Baden-Württemberg mit der künstlichen Befruchtung der Tiere beschäftigt; die geht unter ständig fließendem Wasser vonstatten.
FISCHWIRTDie früher selbstständigen Berufe Fischer und Fischzüchter wurden 1972 zum "Fischwirt" zusammengefasst. Fischhaltung und -zucht, Verarbeitung und Vermarktung sind die beruflichen Schwerpunkte. In Baden-Württemberg gibt es 20 anerkannte Ausbildungsbetriebe überwiegend im Bereich Fischhaltung und -zucht (Forellenzuchten), in geringerem Umfang für den Bereich Fluss- und Seenfischerei (Bodensee und Rhein). Auch an der Pflege von Natur- und Kulturgewässern ist der Fischwirt beteiligt. Der theoretische (Block-)Unterricht findet an der Staatlichen Berufsschule Starnberg statt.
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