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Werner Spies zu Gast

"Man muss auch zu seinen Irrtümern stehen"

24.11.2008 - aktualisiert: 27.11.2008 15:11 Uhr

Reden über Kunst mit Werner Spies
Foto: Thomas Wagner
Die Kunstszene in Stuttgart zum Gespräch anregen, vernetzen, wo Trennung herrscht, und den Aufwind in der Kunstregion verstärken - das sind die Gedanken hinter unserer Veranstaltungsreihe "Über Kunst". Am vergangenen Freitag war mit Werner Spies einer der renommiertesten europäischen Kunstvermittler zu Gast. 100 Leser unserer Zeitung konnten in der Galerie Klaus Gerrit Friese dabei sein.

Gespräche über Kunst können unterhaltsam sein. Zumal, wenn Werner Spies von seinen Begegnungen mit den Großen der Kunst des 20. Jahrhrunderts erzählt. Doch der Ausstellungsmacher und Kritiker, Forscher und ehemalige Direktor des Musée Nationale d'Art Moderne im Pariser Centre Pompidou verweilt im Gespräch immer nur kurz im Anekdotischen. Der Blick hinter die Kulissen, den Spies bietet, ist immer mit Aufforderungen verbunden, mit Fragen und mit dem kritischen Blick auf das eigene Handeln.

Reden über Kunst mit Werner Spies
Werner Spies auf dem Podium Foto: Wagner
Am Freitagnachmittag bereits gerät die Präsentation der jüngsten Spies-Publikation "Auge und Wort" in der Buchhandlung Walter König im Kunstmuseum zum Diskussionsforum - und auch im "Über Kunst"Dialog mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung, wird Spies' Ton prägnanter, wenn es um Grundsätzliches geht. "Man muss bereit sein, eigene Urteile zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren", sagt Spies unter Verweis etwa auf seine zunächst "distanzierte Haltung gegenüber dem Werk zum Beispiel von Anselm Kiefer". Spies aber wäre kaum er selbst, wenn er im inzwischen vehementen Engagement für Kiefer - jüngst auch als Laudator bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Maler und Bildhauer - nicht einen eigenen Begriff geprägt hätte. Kiefer, so formuliert Spies denn auch, sei einem "ikonografischen Imperativ" zuzurechnen, welcher der deutschen Kunst etwas Einzigartiges gebe.

Seit 50 Jahren nun arbeitet Spies mit der Kunst, für die Kunst. Reichen da zehn Bände "Auge und Wort"? Für Spies nicht. Sein erster Gedanke beim Blick auf die von dem Fotokünstler Andreas Gursky gestaltete Reihe: "Wo sind die anderen Bände?" Seine Frage ist der Intensität seiner frühen Begegnungen mit Pablo Picasso, Max Ernst oder Samuel Beckett geschuldet - Begegnungen, die aus Spies' Sicht kaum ihre Qualität erreicht hätten, wenn nicht das erreichte Vertrauen Offenheit im Dialog begründet hätte. So etwa, als Pablo Picasso wissen wollte, wie die Kritik auf seine späten Bilder reagiere. Ablehnend war sie, man warf Picasso vor, keine sichere Hand mehr zu haben. Picasso, so erzählt Spies, habe nichts geantwortet, sondern, ohne abzusetzen, einen exakten Kreis gezeichnet.

Werner Spiess in der Buchhandlung König
Werner Spies Foto: Hörner
Und Max Ernst? Daniel-Henry Kahnweiler, der große Kunsthändler, hatte Spies vor den Verwirrungen des Surrealismus und vor allem vor Max Ernst gewarnt. Erst als Spies den Auftrag erhielt, über Ernst zu schreiben, wagte er den Schritt und meldete sich bei ihm. Max Ernst indes war nicht daran interessiert, ein Interview zu sich und seinem Werk zu geben, lud Werner Spies aber aus Höflichkeit in sein Haus an der Côte d'Azur ein. Ob er das wohl auch gemacht hätte, hätte er gewusst, dass Spies sich zwei Tage später wirklich in den Zug setzen würde, um bei ihm vorzusprechen? Eine Geschichte, für die Spies viele Lacher aus dem prominent besetzten Publikum erhielt.

Sich der Kunst aus der Gegenwart heraus zu nähern, dies begründet für Spies auch seine anhaltende Begeisterung für die Collagen von Max Ernst. "Die Spuren der Produktion sind verwischt", so Spies, der darin eine "Vorwegnahme der heute möglichen digitalen Bearbeitungen" sieht.

Und die Literatur? Immerhin sind nach seiner Übersiedlung nach Paris mit seinem Namen auch Bearbeitungen von Saint-Exupéry, Camus und anderen französischen Schriftstellern verbunden. "Wir brauchen zeitgenössische Literatur, um die zeitgenössische Kunst zu verstehen - und umgekehrt", ist sich Werner Spies sicher.

Für 2009 plant Werner Spies eine Ausstellung zum zeichnerischen und malerischen Werk des vor allem als Filmemacher bekannten David Lynch. Und er kommt noch einmal darauf zurück, was "den Dialog mit Künstlern und ihrem Werk" ausmachen müsse. "Ich wollte nie nur Kritiker sein", sagt er, "ich wollte meine Beobachtungen auch in Ausstellungen präsentieren." Diese Ausstellungen aber, so Spies, dürften nicht nur durch eine Idee begründet sein, sondern "sie müssen auf einem neuen Stand der Forschung basieren". Eben deshalb, so betont Spies abschließend, sei es ihm auch so wichtig, das Gespräch mit aktuell arbeitenden Künstlern immer wieder neu zu suchen. "Es sind die Künstler", sagt er, "die uns zu neuen Sichtweisen herausfordern." Und es ist die Kunst selbst, kann man nach diesem Abend hinzufügen, die auch einen Werner Spies dazu bringt, Urteile zu revidieren.

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Marc Nagel