Maskenball oder Kasperletheater? Grenzen gibt's keine bei Slipknot am Mittwochabend. Die US-Metaller lassen es ungestüm bollern in der Schleyerhalle und 6200 Zuschauer freuen sich mit fast gottgleicher Verehrung über das Durcheinander, das die neun Musiker in ihren Grusel-Masken und den schneidigen schwarz-roten Outfits da fabrizieren.Corey Taylor und Kollegen sehen mit ihren Masken aus wie Leute, die nix Gutes im Sinn haben. Jüngst ereiferten sich Slipknot, ihren Masken würde mehr Aufmerksamkeit geschenkt als ihren Liedern. Dumm ist diese Überlegung nicht: Neun SSB-Kartenkontrolleure würden mit diesen - zugegebenermaßen furiosen - Liedern vermutlich keinen Blumentopf gewinnen.
Slipknot hingegen sind Vollprofis der Selbstinszenierung und treten das genüsslich breit. Auf der Bühne geht's zu wie auf einem Abenteuerspielplatz für Schwererziehbare: Traversen, Metallfässer, Hydraulikteile, viele Lichter und eben diese Typen, ihr bestens choreografiertes Chaos und das Kasperletheater, das sie so liebenswert macht. Es wird gehüpft, da fliegen Haare, da quietschen die Gitarren, da wird Wut abgebaut und auf Psychopath gemacht.
Allen voran Sänger Corey Taylor. Der gibt den Entertainer für Außenseiter so überzeugend, dass er Teenagern einreden kann, er habe die gleiche Arschkarte gezogen. Dazwischen bleibt ordentlich Platz, das Wort "fuck" einzustreuen oder das Publikum bauchzupinseln. Am besten sind Slipknot aber, wenn sie sich dem Pop hingeben. Denn extrem - das können andere Bands besser. Ab und an ein kerniger Refrain oder kleine Hits wie "Before I Forget" oder "Duality" und die Zuschauer toben das Dach von der Halle. Trotzdem: Metal hat in Slipknot seine Stars gefunden - trotz all dem Firlefanz. Nicht deswegen. Das ist ein himmelweiter Unterschied.
Michael Setzer