Der Auftrag zu diesem Artikel ereilt mich zum perfekten Zeitpunkt. Mein Therapeut hat gerade begonnen, die Gründe für den Komplettausfall zusammenzutragen. Irgendetwas hatte mich monatelang angetrieben, nicht nur brav meinen Job als Werbeleiter zu machen, sondern ständig neue Arbeit an Land zu ziehen. Kaum war das eine Konzept ersonnen, stand schon die nächste Innovation an. So wurden die Nächte zum Tag - bis es plötzlich Nacht wurde. Burn-out-Syndrom sagen neumodische Ärzte dazu. "Er hat sich übernommen", meinen andere. Dabei bin ich stinkfaul.
Allem Anschein nach war ich Opfer eines Syndroms geworden, das unter dem Begriff Prokrastination gerade in zahlreichen Ratgebern und Psychotherapiepraxen von allen Seiten beleuchtet wird. Oft wird es in Zusammenhang mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) gebracht. Doch solche Definitionen kratzen nur an der Oberfläche. Blickt man tiefer, wie der Leonberger Psychosomatikfacharzt Cornelius Sipple, entdeckt man, dass bei vielen Formen des Prokrastinierens mehrere Ichs beteiligt sind. Sogenannte Ego-States, aus denen die Gesamtpersönlichkeit zusammengesetzt ist. Während also der deutsche Bürokrat in mir gerade angefangen hat, die Belege vom letzten Jahr auf Papier zu kleben und nach Datum zu sortieren, treffen sich das verspielte Kind in mir und der neugierige Forscher und beschließen, dass die Steuererklärung schon letztes Jahr so langweilig war, dass man stattdessen vielleicht lieber etwas essen sollte.
Kekse sind schnell gefunden, und kauend kann man nebenbei seine E-Mails checken. Weil in den letzten zehn Minuten niemand geschrieben hat, da hatten die beiden lässigeren Ichs nämlich schon mal nachgeguckt, könnte man ja schauen, was sonst in der Welt passiert ist. Erfahrene Prokrastinierer lesen sich zu diesem Zweck durch eine lange Liste aus Internetseiten von
www.tagesschau.de bis zum Nachrichtenticker der Agentur dpa. Menschen ohne Internet haben als Ersatz mindestens 124 Fernsehkanäle. Und früher hat man sich einfach aus dem Fenster gelehnt, um vom Nachbarn etwas Neues zu erfahren oder den Vögeln beim Herumflattern zuzusehen.