Jederzeit bequem einkaufen: der Vertriebskanal Internet wächst in der Modebranche zweistellig
Stuttgart - Nur junge, hippe Leute kaufen im Internet Klamotten ein? Die Zeiten sind vorbei. Denn im Netz können Käufer jederzeit und unabhängig von Ladenöffnungszeiten einkaufen gehen. Der Nachteil: die Kleidung lässt sich weder anprobieren noch der Stoff sich befühlen. Dieser Aspekt ist der Hauptgrund, warum es beim E-Commerce in der Modebranche so viele Retouren gibt. "Zwischen 40 und 50 Prozent der Bestellungen kommen zurück", weiß Timo Salzsieder, Bereichsvorstand bei D+S Europe, einem Dienstleister, der für Marken wie Esprit, Gerry Weber, Marc O'Polo und C & A den kompletten Internetshop regelt: Aufbau, Contentpflege, Zahlungsabwicklung und eben auch die Retouren. "Die Modebranche ist durch ihren hauptsächlich stationären Handel nicht darauf ausgelegt, diese gesamte Logistik alleine handzuhaben." Denn online ticken Käufer anders: Weil sie Hosen nicht anprobieren können, bestellen sie sie gleich in zwei Größen. Die passende kommt in den Kleiderschrank, die andere wird zurückgeschickt.
Was zunächst nicht positiv klingt, lohnt sich für die Branche trotzdem. "E-Commerce wächst in allen Bereichen, bei der Mode allerdings ganz besonders stark und im zweistelligen Bereich", so Salzsieder. Ein Grund dafür ist, dass die schnelleren Internetzugänge bessere Präsentationsformen ermöglichen. "Bewegtbilder werden zukünftig auf vielen E-Commerce-Seiten, insbesondere im Modebereich, zu sehen sein." Auf Modepuppen, die das ausgewählte Modell präsentieren, müssen die ganz internetaffinen Onlinekäufer jedoch noch weiter warten. "Häufig ist es so, dass technisch vieles möglich ist. Aber die Nutzer können technische Neuerungen nicht in der gleichen Geschwindigkeit annehmen, wie sie angeboten werden", sagt Ralf Strehlau, Geschäftsführer der Anxo Management Consulting in Düsseldorf und beim Bundesverband deutscher Unternehmensberater Fachverbandsleiter Management und Marketing.
Mode mittels Video anzubieten weckt EmotionenEin Beispiel dafür ist Mobile Marketing. Technisch ist es möglich, einige Unternehmen nutzen es, aber der große Durchbruch lässt noch auf sich warten. Ähnlich ist es mit den animierten Modepuppen: Es gibt dazu viele Testläufe und in den USA auch schon erste Ergebnisse. Doch bis es sich schließlich durchgesetzt hat, wird es noch dauern. Trotzdem: die noch relativ neue Art, Mode mittels Video anzubieten, weckt beim Käufer schon jetzt Emotionen. Und das, obwohl das Internet eigentlich ein sehr emotionsloses Medium ist.
Doch gerade in der Modebranche sind Gefühle sehr wichtig: Kleidung wird nur selten nach rationalen Gesichtspunkten gekauft. Gekoppelt mit einer immer höheren DSL-Durchdringung auch bei älteren Jahrgängen, wird das Internet für viele Modemarken interessant, die bisher nicht daran dachten, Onlinefilialen zu eröffnen.
Diese Aussichten und der Erfolg derer, die schon gut im Netz verdienen, bringt alle anderen in Zugzwang, denen Internethandel bisher egal war. Salzsieder rechnet darum damit, dass innerhalb der nächsten zwei Jahre alle großen Modenamen im Netz sein werden, sogar die Luxusmarken. "Bei ihnen ist Onlineverkauf grundsätzlich schwieriger, denn sie müssen die Hochwertigkeit ihrer Artikel auf die Gestaltung und den Aufbau des Internetshops übertragen", sagt Hellen Gohde, Managerin bei der Unternehmensberatung Kurt Salmon Associates in Düsseldorf. "Dafür braucht man Leute, die in Webdesign fit sind, die kreativ kommunizieren können und wollen."
Internetaffinität erleichtert die Arbeit im E-CommerceDoch natürlich sind auch Controller gefragt und Betriebswirtschaftler, denn hinter den schönen bunten Bildchen geht es um Zahlen - wie immer in der Wirtschaft. Natürlich sollen sie sich im Netz zu Hause fühlen. Aber: "Absolventen, die in den E-Commerce einsteigen wollen, müssen vom Internet mehr kennen als Studi-VZ und ,World of Warcraft'", betont Ralf Strehlau. "Distanzhandel steht zwar auf den deutschen Lehrplänen, E-Commerce kommt aber noch viel zu kurz." Sein Tipp: als Werksstudent vor Ort arbeiten, betriebsbezogene Diplomarbeiten schreiben und bei Praktika Unternehmensluft schnuppern.
Wer den Fokus auf E-Commerce legen möchte, hat besonders gute Chancen, wenn er neben einem Studium der Wirtschaftsinformatik, Betriebswirtschaftslehre oder Mediengestaltung Internetaffinität mitbringt. Fachbegriffe wie Keyword-Advertising oder Suchmaschinenoptimierung sollten niemanden erschrecken. Interessant für viele Unternehmen sind auch Mediengestalter, die sich um ein zielgruppengerechtes Onlinedesign kümmern.
HANDEL IM INTERNETE-Commerce ist Teil des E-Business, der Internetwirtschaft, und meint den elektronischen Handel. Das Internet fungiert als Handelsplattform, über die der Käufer virtuell einkauft.
Content ist der Inhalt einer Internetseite: Text, Bilder oder Animationen.
Keyword-Advertising ermöglicht es, dass Onlineanzeigen durch Schlüsselbegriffe auf den Suchergebnisseiten von Suchmaschinen angezeigt werden.
Suchmaschinenoptimierung (SEO) bedeutet, Internetseiten technisch und inhaltlich so zu optimieren, dass sie von Suchmaschinen leicht gefunden und gut gelistet werden.
Mobile Marketing will Konsumenten möglichst direkt ansprechen und etwa per SMS, Video oder Produktnews maßgeschneiderte Angebote unterbreiten.