Drucken

Spätfolgen vorbeugen

Wenn das Kind 20 und der Ranzen fünf Kilo wiegt

23.01.2009 - aktualisiert: 23.01.2009 19:07 Uhr

Stuttgart ranzen_1904
Tipps für den Umgang mit dem Schulranzen: Dajana Brüggemann und der Erstklässler Jonas
Foto: Franziska Kraufmann

Altdorfer Schule kümmert sich mit Hilfe von Physiotherapeutin um die Rücken der Kinder
 

Altdorf - Schwere Ranzen sind ein Dauerbrenner bei Eltern schulpflichtiger Kinder. An der Adolf-Rehn-Schule in Altdorf (Kreis Böblingen) ist das Problem geringer geworden: Hier kümmert sich eine Physiotherapeutin um den richtigen Umgang mit der Last.

"Ist euer Ranzen manchmal schwer?", fragt Dajana Brüggemann die Schüler der 1b. "Jaaa!", rufen alle zusammen. Mit am lautesten ruft Jonas, der auch gleich seinen Ranzen vorführen darf. Dieser sitzt mit angezogenen Riemen direkt am Rücken und damit am rechten Platz. Anders als die Hefte darin: Die dicksten sind außen. "Die schwersten Sachen müssen aber so nah wie möglich an den Körper", sagt die Physiotherapeutin. Der eine oder andere Schüler schielt nach seinem Ranzen, was da wo liegt.

"Tragt ihr die Sporttasche manchmal auch noch am Rücken?", fragt Brüggemann. "Ja, so habe ich sie heute früh getragen!", ruft Jonas begeistert. "Das ist falsch", entgegnet der ungewohnte Unterrichtsgast. Die Tasche muss nach vorne. "Dann habt ihr ein Gewicht hinten und ein Gewicht vorne", macht Brüggemann deutlich, dass die Balance wichtig für das Rückgrat ist. "So ruhig sind sie selten", raunt Klassenlehrerin Annemarie Erb herüber.

Seit vier Jahren kommt die diplomierte Rückenschulleiterin Brüggemann an die Adolf-Rehn-Schule, bringt ihr Modell eines Rückgrats mit, zeigt, wie falsches Bücken Bandscheiben quetscht, wiegt Ranzen, führt vor, wie man richtig sitzt und dazu die entsprechende Gymnastik. "Ganz wichtig ist, dass ihr in den Pausen immer kräftig tobt und rennt", fügt die 42-Jährige zur Freude der Erstklässler an.

Brüggemann gestaltet die Rückenschule für die beiden ersten Klassen ehrenamtlich und verhehlt nicht, dass sie dadurch auch Werbung für ihre Praxis im Ort macht. Als die gesetzlichen Krankenkassen noch für Rückenbehandlungen bei Kindern mit falscher Haltung aufkam, hatte sie 30 bis 40 pro Woche. "Heute sind es drei oder vier", sagt sie und fühlt sich trotzdem nicht überflüssig: "Die Probleme sind nicht weniger geworden, die Schmerzen nehmen immer mehr zu."

Die Mutter zweier Schulkinder im benachbarten Holzgerlingen motiviert noch ein Grund, etwas für die Haltung des Nachwuchses zu tun: "Die Kinder schützt kein Gesetz", sagt sie und verweist darauf, dass kein Erwachsener im Beruf mehr als 15 Kilogramm ohne mechanische Hilfe heben muss. Auch für Schulranzen legt die Norm DIN 58124 fest, dass sie nicht mehr als zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts wiegen sollten. Bei Jonas sind es 14,3 Prozent oder drei Kilogramm. "Das geht noch", sagt die Physiotherapeutin, "ich hatte schon einmal einen Erstklässler, der 20 Kilo wog und einen Fünf-Kilo-Ranzen dabei hatte."

Schulleiterin Annette Pfizenmaier führt solche Fälle darauf zurück, dass "nicht überlegt wird, was reinmuss und was nicht". Weder vom Schüler noch von vielen Eltern. Obwohl die Masse nach Untersuchungen erst in der fünften und sechsten Klasse den höchsten Anteil vom Körpergewicht erreicht, findet sie den Einsatz in der ersten Klasse richtig: "Das sind Grundlagen, die man beim Start in die Schulkarriere lernen muss."

An der Adolf-Rehn-Schule geht es Kinderrücken aber auch sonst besser als andernorts. Erst- und Zweitklässler können Bücher im Klassenzimmer lassen und bekommen für Aufgaben einzelne Seiten als Kopie mit nach Hause. Als Ersatz für die Trinkflasche bringen Eltern freiwillig einmal die Woche Sprudelkisten. Für die dritten und vierten Klassen gibt es sechs Klassenzimmer mit Stühlen, deren Sitzfläche kippt, und Tischen, die aufgerichtet werden können. Außerdem hat die Schule einen bewegungserzieherischen Schwerpunkt mit zusätzlichem Sport, Spielen für die Pausen oder Gymnastik während des Unterrichts. Was das alles bringt? "Ich denke, wir haben recht gesunde Kinder", sagt Annette Pfizenmaier.
 

Alexander Ikrat