Stuttgart. - Krise? Welche Krise? Trotz des Hickhacks um den Veranstaltungsort erwies sich der Filmwinter einmal mehr als Publikumsmagnet - zumindest im Filmhaus. Die Kurzfilm-Wettbewerbe waren bestens besucht, weit spärlicher tröpfelten Interessierte in den Media-Space im Ex-Ikea-Gebäude. Leider krankten auch die Filmwinter-Partys im Club Bett, ganz im Gegensatz zu früheren Jahren, an Besuchermangel. Das lag weniger an den Live-Acts, eher daran, dass das Filmwinter-Publikum sich als nicht kompatibel mit den Bett-Stammgästen erwies. "Alles an einem Ort machen zu können, wäre ein Riesenvorteil", sagte Stefanie Reling vom Wand-5-Organisationsteam. Das war ursprünglich in der Türlenstraße auch geplant. Hoffentlich im nächsten Jahr.
Krise II: Die aktuelle Finanzkrise und ihre Folgen sollten die Künstler der Media-Space-Ausstellung reflektieren. Der engen Vorgabe zum Trotz beschäftigten sich die Werke recht breit mit den Mechanismen der globalen Wirtschaft. Der Komplexität des Finanzsystems entsprach dabei teils die Komplexität der ausgestellten Werke. So entwickelte Burak Arikan mit "Meta-Markets" einen virtuellen Aktienmarkt für soziale Web-Inhalte. Ein interessantes Projekt, aber ohne Erklärung kaum zugänglich. Schnellere Erkenntnis ermöglichte "Million Dollar Blocks" von Laura Kurgan und Eric Cadora: Auf Stadtkarten von New York wurden durch farbige Markierungen die Beziehungen zwischen Armut, Ethnie und Kriminalität gezeigt. Ein beeindruckendes sozio-geografisches Kunstwerk, das auch schon im New Yorker Moma zu sehen war.
Lernen von den Alten: Wie Filmmontagen ohne Schneiden funktionieren, konnte man sich am Freitag bei Werner Nekes abgucken, dem großen alten Herrn des deutschen Experimentalfilms. In ihrer beim Filmwinter uraufgeführten Dokumentation "Ach wie gut - dass niemand weiß: Zur Filmsprache von Werner Nekes" enthüllten Noemi Schneider und Daniel Vogelmann die Aufnahmetechniken des Mühlheimers, zeigten seine ausgefeilten selbst gebastelten Apparate und Spiegeltricks, die raffinierte Bildüberlagerungen ermöglichen. Das geriet ungemein faszinierend und kurzweilig, auch, weil Nekes die Jungfilmer in der Doku kurzerhand zu Schülern machte. "Jetzt haben Sie mitgekriegt, wie ich die Jugendlichen verderbe, dass sie keine Produktionen mehr fürs Fernsehen machen können", kommentierte Nekes im Anschluss schmunzelnd.
Tänzer des Festivals: Das war ohne Zweifel Jury-Mitglied Thomas Draschan. Der Wiener hüpfte an den ersten beiden Abenden zu den Live-Acts The Ditcher und M.O.M.I. wie ein Flummi durchs Bett. Dass Draschan auch die Bilder mit Virtuosität und Humor zum Tanzen bringen kann, bewies er am Samstag mit einer Schau eigener Kurzfilme. So montierte er in "Keynote" Ausschnitte einer Apple-Produktpräsentation zu einer Parodie auf den Kult des Digitalen. "Das Einzige, womit ich mich einbringe, ist der Schnitt", so Draschan - er arbeitet ausschließlich mit Collagen aus gefundenem Filmmaterial. Die Schattenseiten dieser Technik verheimlichte er nicht: Als er einmal Ebay und sämtliche Landesbildstellen leer gekauft und die erworbenen Filmrollen in seiner Wohnung gelagert habe, sei nicht nur die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt gewesen: "Durch die Acetat-Ausdünstungen der alten Filme roch alles nach Essig - die Frauenbesuche gingen zurück." Kunst, wir ahnten es, kann einsam machen.
Kunst kann, doch doch, auch provozieren, es kommt nur auf die Rezipienten an: Während die Film- und Medienkunst-Bohème dem infernalischen Experimentalkrach der Yilmaz House Band am späten Samstagabend eher amüsiert begegnete, reagierte das reich vertretene Bett-Stammpublikum höchst irritiert, erstickte den Bühnenlärm irgendwann mit Buhrufen. Als konsensfähiger erwiesen sich die House-Beats von DJ Curtis Newton, das Filmwinter-Publikum war da aber schon größtenteils geflüchtet. Die verbliebene Jugend tanzte zurückhaltend. Wo war Draschan?
Und hier die Preisträger: Der Hauptpreis Norman geht an "Gravity" von Nicolas Provost (BE/2007), der Team-Work-Award an "Failed" von Lauren McCorkindale (GB/2008), der Wand-5-Ehrenpreis an "Sorry Curator" von Annette Hollywood (D/2008), der Publikumspreis an "Running Sushi" von Mara Mattuschka und Chris Haring (A/2008). Den Expanded-Media-Preis erhalten: für Medien im Raum "Input/Output" von Britta Fehrmann (D/2007) und "Die Welt" von Katz & Fuchs (D/2008); für On/Offline "Bootclipse" von Dennis Knopf und "Triptych.tv" von Jimpunk, Abe Linkoln & Mrtamale.