Stuttgart _ Bernd Krauter ist nicht der Typ, der jammert, aber das Thema Mobbing lässt ihn nicht mehr los. "Das ist ein Trauma, das man nicht mehr vergisst", sagt der 54-Jährige aus Aspach bei Backnang. Wie ihm geht es vielen: Er ist einer von gut 2,5 Millionen Betroffenen in Deutschland.
Lange hat es gedauert, bis er sich die Frage gestellt hat: Werde ich eigentlich gemobbt? Vieles hat er zunächst mit den üblichen Machtspielen innerhalb des Betriebs abgetan, bis ihm klar wurde, dass ihn sein Vorgesetzter loswerden wollte und systematisch diskreditierte.
Er bekam Arbeiten, die ihn unterforderten. Oder es wurden Termine angesetzt, die er unmöglich einhalten konnte. "Es wurde immer so gemacht, dass man scheitern musste", sagt Krauter. Im Vieraugengespräch habe ihm der Vorgesetzte direkt gesagt, dass er ihn loshaben wolle. Für Krauter bedeutete dies Schlafstörungen, Depressionen, Arztbesuch - bis er vor drei Jahren die Notbremse gezogen und gekündigt hat.
Mittlerweile ist er selbstständig. Dass er so offen mit dem Thema umgeht, hat seinen Grund: Als Betroffener will er in dem neu gegründeten Verein Mobbing keine Chance e.V. (Waiblingen/Rems-Murr-Kreis) anderen helfen. Er hätte solche Hilfe gut gebrauchen können, um eine Strategie zu entwickeln. Doch damals gab es den Verein noch nicht. "Viele schämen sich, über Mobbing zu reden, weil sie befürchten, als Weichei abgestempelt zu werden", sagt Krauter.
"Mobbing ist in der Gesellschaft weit verbreitet und wird sich dieses Jahr noch verstärken", sagt Harry Möller-Stein, Rechtsanwalt und Vorsitzender des neu gegründeten Vereins, denn in der Krise werde der Kampf um den Arbeitsplatz härter. Es gebe Fälle, da käme die Anweisung von der Geschäftsleitung, um Abfindungen zu sparen. "Mobbing tastet die Würde des Menschen an", sagt Möller-Stein. Viele Opfer litten ihr Leben lang unter den Angriffen am Arbeitsplatz oder in der Schule. Der Verein will Betroffene unterstützen - auch finanziell.
Neben psychischen oder gar physischen Folgen für die Betroffenen - egal ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder durch Cyber-Mobbing, also Diffamierung im Internet - sorgt Mobbing auch für einen volkswirtschaftlichen Schaden. Möller-Stein beziffert diesen auf jährlich 25 Milliarden Euro in Deutschland, unter anderem durch Fehlzeiten, verminderte Arbeitsleistung und Fluktuation.
Seiner Erfahrung nach leugnen die Unternehmen das Phänomen noch. Deshalb setzt der Verein auch auf Aufklärung, bietet über das Beraternetzwerk Mobbing Competence Center (MCC) in Baden-Württemberg Seminare und Workshops in Unternehmen und Schulen mit Coaches, Mediatoren, Anwälten und Psychotherapeuten an.
Einhelliger Tipp der Experten: möglichst früh Hilfe suchen. "Viele Mandanten kommen zu spät", sagt Sandra Buchholz, Arbeitsrechtlerin aus Böblingen. Sie rät Betroffenen, ein Mobbing-Tagebuch zu führen. "Das ist nicht nur aus psychischer Sicht sinnvoll, sondern kann auch bei einer Klage wichtig sein." Für Betroffene gibt es eine kostenlose Hotline: 0800/6622445.