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Fehler der Firma?

Das Phantom, das vielleicht gar keines ist

Foto: dpa

Stuttgart - Nicht zu fassen. Da zieht eine Frau seit 1993 eine Spur des Verbrechens durch halb Europa, tötet Menschen, verübt Einbrüche, begeht Diebstähle. Aber die Polizei kann die "uwP", wie die "unbekannte weibliche Person" im Fachjargon genannt wird, einfach nicht fassen. Der vermeintlich einzige Anhaltspunkt: Sie hinterlässt an allen Tatorten ihre DNA-Spur. Das zumindest glaubten die Ermittler bisher. Womöglich war dies ein Trugschluss. Denn es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass die Wattestäbchen, mit denen die Kriminaltechniker arbeiteten, verunreinigt waren.

25. April 2007. Eine Polizeistreife macht Mittagspause auf einem Parkplatz an der Heilbronner Theresienwiese. Die beiden Beamten unterhalten sich, als die Killer von hinten kommen. Michèlle K. von der Bereitschaftspolizei Böblingen wird mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet, ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Bundesweit herrscht blankes Entsetzen, Gerüchte über Hintermänner in der russischen Mafia und über Spuren ins Drogenmilieu machen die Runde. Aber alle Ermittlungsbemühungen, alle Aufrufe in Sendungen wie "Aktenzeichen XY" bleiben ohne Erfolg. Die Täter werden nicht gefasst. Erst Wochen später, als das Polizeifahrzeug von Experten genau untersucht worden ist, wird bekannt, dass die Ermittler eine DNA-Spur gesichert haben.

Es ist die große Hoffnung, die Tat aufzuklären. Zumal bekannt wird, dass dieser Gencode schon bei einer Fülle anderer Taten gesichert wurde - angefangen beim Rentnermord 1993 in Idar-Oberstein. Inzwischen umfasst die Liste insgesamt 40 Tatorte in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, dem Saarland, in Österreich und Frankreich. Die Belohnung für Hinweise auf die Phantomfrau wurde auf 300.000 Euro geschraubt.

Erst in der vergangenen Woche vermeldeten die Sonderkommission und das Landeskriminalamt dann, man habe die DNA-Spur an einem weiteren Tatort gefunden - diesmal nach einem Einbruch in einer Realschule in Saarbrücken. Und, welch vermeintliches Glück: Als Täter wurde eine Gruppe von neun männlichen Jugendlichen dingfest gemacht. Dort war die DNA-Spur an einer Cola-Dose gefunden worden.

Der Haken: Nach Informationen unserer Zeitung versicherten die geständigen Täter glaubwürdig bei ihren Vernehmungen, dass keine Frau an dem Einbruch beteiligt gewesen sei. Es muss der Moment gewesen sein, da in Polizeikreisen die seit Wochen bestehenden Zweifel alle bisherigen Erkenntnisse verdrängt haben und sich selbst erfahrene Ermittler die Frage stellten: Ist es denkbar, dass es das Phantom gar nicht gibt? Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass dieser Fall - den der Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann Ende 2008 bereits ins Gespräch gebracht hatte - wahr werden könnte. Nach einem Bericht des Onlinedienstes stern.de waren die Wattestäbchen, die die Fahnder zur Sicherung von DNA-Spuren verwendeten, möglicherweise schon vor ihrer Verwendung mit DNA-Material verunreinigt. Dies könnte beim Verpacken der Ware in der Hamburger Firma geschehen sein, aus der viele Polizeidienststellen ihr Material erhalten. Zwar ist es vorgeschrieben, dass Utensilien wie Wattestäbchen oder Einweghandschuhe dort vor dem Versand sterilisiert werden. Kriminalexperten halten es aber für denkbar, dass beim Verpacken menschliche Körperzellen wie Hautschuppen oder ein Tropfen Schweiß in die Verpackung geraten sind - und die Sterilisation der Ware überlebten.
 

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