Stuttgart - Er sagt Moin Moin statt Grüß Gott, beherrscht kein einziges Wort Schwäbisch, und hat jenen trockenen Humor, wie er nur in Küstenluft gedeiht. Eckart Frahm ist Flensburger - doch gleichzeitig betreut er ein schwäbisches Heiligtum: die riesige Sammlung von Mundartaufnahmen der Uni Tübingen. So weit ist es mit dem Dialekt also schon gekommen!
"Wir können alles außer Dialektforschung!"
Zu Frahms Ehrenrettung sei gesagt, dass er das Schwäbische zwar nicht auf der Zunge, aber im Herzen trägt. Und es ist ja auch nicht seine Schuld, dass das Land so stiefmütterlich mit dem Thema umgeht. "Wir können alles außer Dialektforschung", wirft er provokant in die Runde. Gäbe es da nicht noch einen Förderverein - es sähe zappenduster aus mit der Tübinger Tradition, den Schwaben aufs Maul zu schauen.
Zurzeit werden wenigstens die 2000 alten Tonbänder digitalisiert. "Doch im Grunde fehlt ein großes Archiv", sagt der Kulturwissenschaftler, der Tür an Tür mit dem Volkskunde-Papst Hermann Bausinger arbeitet. In der Forschung hat Schwäbisch also keine Konjunktur - aber stirbt es auch aus, wie die Unesco unlängst orakelt hat?
"Der Dialekt stirbt seit 250 Jahren."
Gemach, gemach. Die Theorie ist das eine, doch die Praxis sieht etwas anders aus. "Der Dialekt stirbt schon seit 250 Jahren", sagt Frahm ironisch, ohne eine Miene zu verziehen. Nein, in Wirklichkeit ist ihm um die Mundart(en) nicht bang.
Denn er sieht darin eine Art Gegenbewegung zur Globalisierung: Die Menschen sehnen sich nach einer vertrauten Umgebung - und Dialekt ist Heimat pur. "Nehmen Sie mal die Werbung", empfiehlt Frahm, "die verbreitet die Botschaft: Das Produkt ist von hier, und weil es von hier ist, ist es auch gut."
Dialekt ist in
Brauereien und Baumärkten, Banker und Bäcker surfen auf dieser Welle. Und wo es um PR geht, ist auch die Politik nicht weit: "Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen, hat erfolgreich Wahlkampf auf Plattdeutsch gemacht." Nach dem Motto: Ich bin einer von Euch. Sogar Todesanzeigen hat der Kulturwissenschaftler schon in Mundart entdeckt - neuerdings auch auf Schwäbisch.
Doch ehe er das Hohelied auf den Dialekt intoniert, holt ihn die Runde auf den Boden der Tatsachen. "Meine Kinder können das gar nicht mehr", sagt einer, und ein anderer befindet, in der Großstadt habe das Hochdeutsch längst gewonnen. Gut, sagt nun der 67-Jährige, so einfach sei die Bestandsaufnahme nicht: Der Dialekt von 2009 sei nämlich ein anderer als der von 1959. Viele alte Wendungen, wie sie der Tübinger Sprachwissenschaftler Arno Ruoff auf seinem Tonband festgehalten hat, seien verschwunden: "Dialekte verändern sich, die alten bäuerlichen Begriffe gibt es ja gar nicht mehr."
Dialekt wird zum Regiolekt
Auch die lokalen Kanten schleifen sich ab. Frahm: "Wer früher aus Calw nach Reutlingen umzog, wurde ausgelacht." Das hat ihm zumindest eine Studentin erzählt. Heute wird der Dialekt zum Regiolekt - im Großraum Stuttgart, in der Region Ulm und so weiter.
Hinzu kommt: Die meisten jungen Baden-Württemberger können entgegen aller Imagewerbung eben doch Hochdeutsch. Oder zumindest das, was sie dafür halten. "Wenn man die Stufenleiter von der Mundart zur Hochsprache in acht Sprossen unterteilt, dann meinen die Schwaben schon bei Stufe vier, das sei jetzt Hochdeutsch", lästert Frahm, der sich zugute hält, fließend Plattdeutsch zu beherrschen.
Ja, der Dialekt lebt, so sein Fazit, aber er wird heutzutage gezielter eingesetzt als früher: "Er ist immer weniger Alltagssprache als Stilmittel." Dialekt stiftet Identität in einer hochsprachlich nivellierten Welt, und manchmal dient er auch zur subversiven Abgrenzung: "Man kann sich damit dumm stellen und Hierachen auflaufen lassen." Wir lernen also: Der Dialekt ist ein Tausendsassa, eine Zusatzsprache, die das Hochdeutsche nicht ersetzt, sondern ergänzt. Ein richtiges Plus also.
Schwäbischer Dialekt nicht sexy
Umso mehr bedauert es der frühere Journalist, dass der Südwestrundfunk dieses Stilmittel in der allgemeinen Berichterstattung eher reduziert. "Wenn man durch Hessen oder Bayern fährt, hört man in den Nachrichten immer eine Färbung, bei uns leider nicht." Frahm führt dies nicht zuletzt auf einen schwäbischen Minderwertigkeitskomplex zurück.
Haben nicht bundesweite Umfragen ergeben, dass der schwäbische Dialekt nicht sexy sei? "Wenn Sie in Friesland eine Frau anbaggern wollen, schwäbeln Sie besser nicht", empfiehlt der Kulturwissenschaftler. Trotzdem hält er die Emanzipation des hiesigen Zungenschlags gegenüber anderen nur für eine Frage der Zeit. "Das Sächsische", so sein Trost, "hat noch ein schlechteres Image."
Entscheidend sei, authentisch zu sprechen, das Schwäbische nicht zu "schreckleinisieren", wie er eine bemühte Betonung des Dialekts nennt - in Anlehnung an eine bekannte TV-Moderatorin. Als positives Beispiel nennt Frahm den früheren Stuttgarter OB Manfred Rommel: Der ist für ihn "der beste Vertreter des Schwäbischen."
"Schwäbisch ist wie alle Dialekte poetisch und kraftvoll"
Dass man mit dieser Sprache auch bundesweit Karriere machen kann, sieht er am Beispiel des früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth belegt: "Der war einfach der Cleverle, da hat das Schwäbische überhaupt nicht gestört." Bei Späths Nach-Nachfolger Günther Oettinger hat er dagegen den Eindruck, dieser versuche, sich die Ditzinger Tönung abzutrainieren - was nicht gerade authentisch wirke.
Und dann kommt der Kulturwissenschaftler doch nochmal ins Schwärmen: "Schwäbisch ist wie alle Dialekte poetisch und kraftvoll, weil es viel konkreter und näher an den Menschen ist als die Hochsprache." Niemand aus der Runde widerspricht.
Arnold Rieger