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Kriegsflüchtling Karl Walter Ziegler

Glücksgefühl in bleierner Zeit

11.05.2009 - aktualisiert: 11.05.2009 11:33 Uhr

StN- Karl Walter Ziegler
Karl Walter Ziegler flieht von Brünn nach Schorndorf.
Foto: privat
Stuttgart - Was vom NS-Reich aus seinen Anfang nimmt, schlägt am Ende des Kriegs brutal gegen die deutsche Bevölkerung zurück: Mehr als zwölf Millionen Menschen verlieren ihre Heimat. Karl Walter Ziegler ist einer von ihnen - doch er baut sich eine neue Existenz auf.

Vor zweieinhalb Jahren hat er eine Krebsoperation überstanden, doch Karl Walter Ziegler zeigt sich gut erholt. "Um die 50er Jahre soll es gehen?" Der 78-Jährige hat eingeladen zu einer packenden Zeitreise. Er berichtet von Härten und Gefahren, aber auch von Glücksgefühlen.

Das Kriegsende erlebt Ziegler auf einem Bauernhof auf tschechischem Gebiet.

In eineinhalb Stunden lässt Ziegler Revue passieren, wie er sich nach der Flucht eine neue Existenz aufgebaut hat. Und 1959 seinen wohl schönsten Moment erlebte: "In dem Jahr bin ich in Plüderhausen auf einer überparteilichen Liste zum Gemeinderat gewählt worden - und das als Flüchtling, als Unbekannter", erzählt Ziegler, und er strahlt: "Das war ein großer Tag."

Als Heranwachsender sieht sich Ziegler, am 25. Juli 1930 in Brünn im sudetendeutschen Gebiet geboren, mit den Schrecken des zu Ende gehenden Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Als die sowjetischen Armeen bedrohlich näher rücken, entschließt sich seine Mutter, mit ihm und seiner damals vierjährigen Schwester Brünn zu verlassen. "Das war am 18. April 1945. Da sind die letzten beiden Sonderzüge aus Brünn abgefahren."

Das Kriegsende erlebt der junge Ziegler auf einem Bauernhof auf tschechischem Gebiet. "Da lagen wir auf Stroh und haben Radio gehört." Angst machen ihm die Hasstiraden gegen die Deutschen, die mit den Siegesmeldungen der Roten Armee verbreitet werden. Doch auf dem Bauernhof wird er gut versorgt, es gibt zweimal am Tag warmes Essen. Auch sonst hätten ihn die Tschechen fair behandelt, erinnert er sich.

Ihre Habseligkeiten tragen die Zieglers auf dem Rücken.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Brünn kommt der endgültige Abschied von der alten Heimat: Zuerst geht es nach Schlesien, wo Ziegler erstaunt erfahren muss, dass die in ihrer Infrastruktur im wesentlichen intakt gebliebene Grafschaft Glatz nun zu Polen gehört. "Das war schon eine Ernüchterung." Von Hirschberg im Riesengebirge macht er sich auf den Weg nach Sachsen. Berlin scheidet als Aufnahmestadt aus, man hat von den Zerstörungen in der Hauptstadt gehört.

Entlang der Straße wandert Ziegler mit seiner Mutter und seiner Schwester durch wildfremdes Gebiet, aber zum Glück findet er eine Karte. "Und so wussten wir, wo wir waren." Dennoch, es ist ein Marsch ins Ungewisse. Er dauert drei Wochen, über 300 Kilometer legt das Flüchtlingstrio zurück. Ihre Habseligkeiten tragen sie erst auf dem Rücken, am Ende bekommen sie eine zweirädrige Karre geschenkt. Übernachtet wird in Scheunen auf Stroh.

In Radeberg bei Dresden machen die Zieglers eine längere Zwischenstation, wo sie auch Anschluss in der Bevölkerung finden. Ziegler zieht es schon damals in die Politik, er wird Mitglied des sächsischen Landesverbands der CDU. Über diese schwere Zeit berichtet er ohne jede Bitterkeit, ja fast heiter: "Heute empfinde ich eine gewisse Befriedigung, dass man es überstanden und geschafft hat."

Die Schwaben zeigen ihnen anfangs die kalte Schulter.

In Sachsen bleiben die drei Flüchtlinge bis Ende 1946. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Vater von der Front bereits nach Württemberg durchgeschlagen, was sich als Glücksfall erweisen soll, denn sonst hätte die Familie im Osten Deutschlands, in der sowjetisch besetzten Zone, bleiben müssen. Die Zuzugsgenehmigung des Landratsamts Waiblingen für die amerikanische Zone wäre ihr versagt geblieben. Am 7. Dezember 1946 endet die Odyssee der Zieglers: Das Familienoberhaupt holt seine Familie am Bahnhof in Schorndorf ab. "Da war viel Glück dabei, dass wir wieder zusammenfanden."

Für die Neuankömmlinge heißt es nun, sich durchzubeißen. Die Schwaben zeigen ihnen anfangs die kalte Schulter. Berufsberater in Schorndorf - Ziegler war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich - lassen ihn abblitzen. "Die paar Lehrstellen, die wir haben, brauchen wir für unsere eigenen Leute", bekommt er zu hören. So jobbt er zunächst als Hilfsarbeiter beim Nudelfabrikanten Birkel in Endersbach. Die kaufmännische Ausbildung erhält Karl Walter Ziegler dann doch - in einem Geradstettener Betrieb, wo auch der Vater beschäftigt ist. Später wird der Junior von einem Unternehmen in Stuttgart-Feuerbach übernommen.

Es ist eine freudlose Zeit. "Die ersten Jahre nach der Flucht waren schlimm, wir haben ja gar nichts gehabt - keine Bücher, keine Zeitungen, kein Radio. Im Dorf gab es kein Kino, kein Theater", berichtet Ziegler. Untergekommen sei seine Familie in der alten Pulverfabrik von Geradstetten. Eine kalte, ungemütliche Notwohnung. "Da haben wir ein Eigenleben geführt, mit den anderen Ortsbewohnern sind wir kaum zusammengetroffen."

Zieglers Frau ist ebenfalls ein Flüchtling aus dem Sudetenland.

Es ist die Kirche, noch mehr aber die Partei, die ihm Halt gibt. Der Kalte Krieg drückt auf die Stimmung: In der DDR wird im Jahre 1953 der Arbeiteraufstand niedergewalzt, und drei Jahre später machen Sowjetpanzer die Hoffnungen der Ungarn auf ein Ende der kommunistischen Unterdrückungsherrschaft zunichte.

"Das war ein ganz schwarzer, ein schrecklicher Sonntag, der 4. November, als die Russen in Ungarn zugeschlagen haben", erinnert sich Ziegler. Immerhin kommen 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus dem Osten nach Hause. "Die Erleichterung war spürbar."

Doch Ziegler will diese schweren Jahre nicht nur in düsteren Farben malen. Im Jahr 1953 freut er sich mächtig über den haushohen Wahlsieg der CDU, und 1954 natürlich über die gewonnene Fußball-Weltmeisterschaft gegen die Ungarn in der Schweiz. "Das war eine Hochstimmung damals - mehr als Weihnachten, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen." Der Zug mit den heimkehrenden Spielern habe an jedem Bahnhof angehalten - und jedesmal neue Begeisterung entfacht.

Das private Glück kommt hinzu: Am Arbeitsplatz lernt Ziegler seine künftige Frau kennen - ebenfalls ein Flüchtlingskind aus dem Sudetenland. Und sein neuer Lebensmittelpunkt wird Plüderhausen. Damit geht die elende Zeit der Notunterkünfte zu Ende.

1955 ist Hochzeit, zehn Jahre nach der Vertreibung hat Ziegler endlich wieder eine echte Wohnung. Sein politisches Engagement bringt Ziegler enorme Wertschätzung. So geht es auch beruflich voran. Ein Betrieb in Plüderhausen wird auf ihn aufmerksam, 28 Jahre arbeitet er dort, zuletzt als Prokurist.

Das Lebensgefühl Anfang der 50er Jahre verbindet Ziegler nicht mit materiellen Werten - an ein Auto war damals nicht zu denken. Es ist der Glaube an sich selbst, der ihn immer wieder antreibt. "Man schaffte sich mit bescheidenen Mitteln, mit eigenen Kräften, eine neue Existenzgrundlage, das war doch schon was."
 

Winfried Weithofer