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Pfiffige Firmengründer

Aus Dreck Geld gemacht

12.05.2009 - aktualisiert: 13.05.2009 14:35 Uhr

StN-Helmut Aurenz
Helmut Aurenz mit seiner Erfindung: Blumenerde im Plastiksack
Foto: Thomas Hörner
Stuttgart - Seit Mitte der 50-er Jahre erlebt Deutschland einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Industrieproduktion steigt rasant an, der Wohlstand wächst in ungeahntem Maße. Auch Helmut Aurenz nutzt die Gunst der Stunde und gründet eine kleine Firma. Heute ist er Marktführer.

In den fünfziger Jahren denken die meisten jungen Leute an das erste Motorrad, an Rock'n'Roll oder eine Partnerin für die Tanzschule. Nicht so Helmut Aurenz. Der Ludwigsburger, der Gärtner und Florist gelernt hat, will hoch hinaus. Der Pioniergeist der Wirtschaftswunderzeit hat ihn gepackt.

Erde in Plastiktüten - mit dieser Idee wurde Aurenz erfolgreich

Jung-Aurenz, dessen Eltern in der Barockstadt eine kleine Gärtnerei betreiben, hat eine genial-einfache Idee. Ihm ist aufgefallen, dass die Hausfrauen im väterlichen Betrieb immer wieder nach Blumenerde fragen. Doch in den herkömmlichen Papiertüten kann man die feuchte Erde nicht transportieren. Also kauft der gewiefte Junior-Gärtner einen Sack Plastiktüten und füllt sie mit Blumenerde. Die verkauft er dann in Tante-Emma-Läden, Blumengeschäften und auf Wochenmärkten. "Ich war vom Erfolg selbst völlig überrascht", sagt der 71-Jährige beim Gespräch im Büro seiner Ludwigsburger Firmenzentrale.

1958 gründet er - gerade mal 21 Jahre alt - seinen eigenen Blumenerdebetrieb. Zuvor hat er bei einem Freund ein Buch über den amerikanischen Traum gelesen: "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Das Werk beeinflusst ihn nachhaltig. "Damals gab es niemanden, der Blumenerde professionell anbot." Beim Finanzamt fragt ihn der Beamte: "Du willst mit Dreck Geld machen?"

Der Bauboom der Wirtschaftswunderzeit heizt das Geschäft mit der Blumenerde an

Doch es funktioniert. Aurenz bringt es mit einer einzigen Idee, Risikobereitschaft und unternehmerischem Gespür zum Millionär. Heute besitzt der Mann mit dem markanten Schnauzbart 14 Produktionswerke und zwölf Vertriebsniederlassungen in zehn Ländern. ASB (Aurenz Spezial-Blumenerde) Grünland verkauft jährlich 1,8 Millionen Kubikmeter Erde und ist nach eigener Aussage Marktführer bei Flüssigdünger und Düngerstäbchen.

Der gigantische Bauboom der Wirtschaftswunderzeit Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre sowie der Wunsch nach einem eigenem Garten heizen das Geschäft mit der praktisch verpackten Blumenerde an. Bald verlangen auch die großen Lebensmittelketten Aurenz' Erde. "Wir konnten gar nicht genug liefern." 1962 kauft er eine 45000 Quadratmeter große Moorfläche in Eisenharz, Allgäu. "Das war der Grundstock meines Torf-Imperiums." Zwei Jahre später wird die Produktion von Neckargröningen ins Allgäu verlagert. "Nur wenn Produktion und Rohstoff an einem Ort sind, kann man preiswert produzieren." 1967 erreicht der Umsatz die Millionengrenze.

Ab Mitte der 50er Jahre steigt die private Kaufkraft an. Die Deutschen geraten in einen wahren Kaufrausch: Möbel, Autos, Reisen, Elektrogeräte. Das Konzept von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard "Wohlstand für alle" geht auf. Die Massenfertigung von Konsumgütern verbilligt die Preise für ehemals unerschwingliche Radios, Fernseher und Waschmaschinen. Die Regierung von Kanzler Konrad Adenauer unterstützt den Traum vom Haus im Grünen mit zinsgünstigen Baukrediten.

Erst ein Mercedes, dann ein Porsche: Mit dem Erfolg wächst auch Aurenz Wohlstand

Aurenz nutzt die Gunst der Stunde. Kaum selbstständig kauft er 1959 einen gebrauchten VW-Bus. Mit seinem Bully fährt er die Säcke zu den Kunden. Auch Lebensmittelketten werden auf ihn aufmerksam. "Über die Edeka-Filialen habe ich meine Erde über ganz Deutschland verkauft."

Jungunternehmer wie Helmut Aurenz profitieren vom rasanten Gründerzeit-Klima. Mit dem Erfolg wächst auch sein persönlicher Wohlstand. "Das bleibt doch nicht aus." 1964 kauft der Autonarr seinen ersten Mercedes, ein Jahr später ist er stolzer Besitzer eines Porsche Cabrio. Für Politik habe er sich damals nicht sonderlich interessiert, meint er. Der Aufschwung aus dem Nichts habe all seine Energie absorbiert.

Doch an einige wichtige Daten erinnert er sich noch ganz genau: wie das sowjetische Berlin-Ultimatum 1958; den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961; die Kuba-Krise im Oktober 1962; das Ende der Ära Adenauer und die Kanzlerschaft Erhards, die am 16. Oktober 1962 beginnt.

Heute ist die Aurenz Gruppe führend auf dem Blumenerdemarkt

In den sechziger und siebziger Jahren baut Aurenz seine Firma weiter aus. Der Ludwigsburger Gärtner wird zum global operierenden Torf-König. 1971 erwirbt er zwei Millionen Quadratmeter Land in der Lüneburger Heide bei Soltau-Lührsbockel. Ein Jahr später gründet er die ASB France und Austria. Auch Verpackungen und Folien werden selbst produziert. Die verschiedenen Erdmischungen werden in firmeneigenen Verpackungsanlagen abgefüllt und zu handlichen Ballen gepresst.

51 Jahre nach der Firmengründung ist die Aurenz Gruppe führend auf dem Blumenerdemarkt. "1957 fing alles mit fünf Säcken an. Heute verkaufen wir 500000 Säcke am Tag - 150 bis 200 Sattelzüge", sagt Helmut Aurenz sichtlich stolz. Das Geschäft mit der Erde sei ein reines Saisongeschäft. In vier Monaten mache er 70 bis 80 Prozent seines Jahresumsatzes.

Der Firmengründer ist auch wegen seiner Isny-Runde in seinem Hotel Jägerhof im Allgäu bekannt. In diesem "Klein-Davos" lädt er Unternehmer und Politiker zum Gedankenaustausch ein. Aurenz liebt rustikale Einrichtungen. Sein Büro ähnelt mehr einem gutbürgerlichen Wohnzimmer als einer Chefetage. Seinen Hauptwohnsitz hat er in Isny, doch an jedem firmeneigenen Torfabbaugebiet gibt es ein Haus für die Familie.

Während Aurenz über die Entwicklung seines Torf-Imperiums plaudert, klingelt das Telefon. Tochter Michaela meldet sich aus Westpoint im US-Bundesstaat Virginia. Dort betreibt die Aurenz Gruppe seit 1998 ein Blumenerdewerk und eine Produktionsstätte für den amerikanischen Markt. Im vergangenen Januar hat der Konzerngründer der damals 23-Jährigen die Leitung der Firma übertragen, die 70 Millionen Euro Umsatz macht. "Meine Tochter hat es schwerer, als ich es damals hatte", sagt er. "Die Bürokratie ist gigantisch groß, das Steuersystem kompliziert. Aber sie bringt die besten Voraussetzungen mit. Sie hat in den USA Betriebswirtschaft und Marketing studiert und internationale Praktika absolviert."

An Krisen ist Helmut Aurenz gewöhnt. Mitte der 1960er Jahre nähert sich das Wirtschaftswunder langsam seinem Ende. 1967 kommt es zur Rezession, 1973 folgt die erste Ölkrise. "In den ersten 25 Jahren ging es immer darum, zu expandieren oder unterzugehen. Wir haben viele Rückschläge erlitten."

Heute machen zehn Großkunden 90 Prozent des Umsatzes in Deutschland aus. Nicht anders sei es in Frankreich und der Schweiz. Der Konkurrenzkampf sei unglaublich hart. "Ich habe vieles richtig gemacht. Ich habe aber auch viele Rückschläge gehabt", resümiert der Senator h. c.

Die Wirtschaftswunderzeit ist längst Geschichte. Heute in Zeiten der globalen Finanzkrise denkt niemand mehr an schwindelerregende Wachstumsraten. Doch Helmut Aurenz ist überzeugt: "Mit einer guten Idee kann man immer erfolgreich sein."
 

Markus Brauer