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Idol Willy Brandt

Ein Hoch über Osteuropa

14.05.2009 - aktualisiert: 14.05.2009 14:20 Uhr

Willy Brandt
Zeichen der Aussöhnung: Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Denkmal im Warschauer Getto
Foto: dpa
Stuttgart - Die Deutschen sehnen sich nach frischem Wind, und Willy Brandt öffnet die Fenster: Der SPD-Kanzler will "mehr Demokratie wagen" und das Eiszwischen Ost und West zum Schmelzen bringen. Dies macht ihn zum Idol für eine ganze Generation - auch für den Stuttgarter Peter Müller-Rockstroh.

Der Kaffee ist gut, der Obstschnaps erschwinglich, und die Visionen von Marx bis Mao gibt es umsonst: Der Republikanische Club am Kurfürstendamm ist Ende der 60-er Jahre Treffpunkt der linken Berliner Szene. Auch Peter Müller-Rockstroh geht regelmäßig dorthin und meint, obwohl kein Student mehr, es müsse doch irgendwie weitergehen mit der Studentenbewegung. Und zwar ohne Molotowcocktails. Aber wie?

"In den 60-er Jahren war es für mich undenkbar, in die SPD zu gehen", sagt der 72-Jährige und beschreibt die Qualen, die ihm die Suche nach einer politischen Heimat bereitet hat. Sozialdemokraten? Nein, danke. Das sind doch jene, die in der Großen Koalition die verhassten Notstandsgesetze mitbeschlossen haben. Einerseits.

Bundeskanzler Willy Brandt bekennt sich zur deutschen Verantwortung für die Gräuel des Kriegs

Als dann aber 1969 die Bundestagwahl naht und Willy Brandt gegen Kurt Georg Kiesinger kandidiert, da spürt der junge Akademiker doch, dass seine Sympathien nicht den Revolutionären im Club, sondern den Reformern im Bundestag gelten: Er fiebert mit der SPD. Die neue berufliche Heimat - ab 1971 arbeitet er als Hochschulplaner in Stuttgart - erleichtert ihm die Annäherung: "Erhard Eppler ist seit 1973 im Südwesten Vorsitzender, es gibt also keinen Grund, hier nicht einzutreten."

Doch Mitglied wird Müller-Rockstroh, wie tausende damals mit ihm, wegen einer charismatischen Persönlichkeit: Willy Brandt. "Alle haben gesagt: "Endlich ändert sich mal was." Wie kein Zweiter versteht es der SPD-Chef, die Hoffnungen der jungen Generation nach Toleranz und Weltoffenheit zu artikulieren. Dazu gehört vor allem, dass Deutschland seine Verantwortung für die Leiden des Zweiten Weltkriegs annimmt. Müller-Rockstroh: "Das haben wir doch immer gefordert."

Was das bedeutet, kann wahrscheinlich nur jene Generation ermessen, die sich mit ihren Eltern bis aufs Blut über deren Rolle im Dritten Reich gestritten hat. "Ich konnte zeitweise nicht mehr nach Hause fahren, so sehr lag ich mit meinem Vater über Kreuz", sagt der Stuttgarter. Brandt wird deshalb für viele auch eine politische Vaterfigur: "Mein Vorbild", sagt Müller-Rockstroh, "er hat uns Selbstbewusstsein gegeben."

Historischer Kniefall: Brandt steht auch für einen neuen Politikstil.

Endlich ist da einer, der der Welt zeigt, dass Deutschland seine Lektion gelernt hat. Der die schrecklichen Jahre persönlich unbelastet überstand. Und der das andere, das vertrauenswürdige Deutschland verkörpert. "Die CDU hatte eine solche Persönlichkeit einfach nicht zu bieten", sagt er.

In der Außenpolitik demonstriert Brandt, dass man die ideologische Front der Blöcke aufweichen kann: "Er hat nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame zur Grundlage der Politik gemacht", erinnert sich Müller-Rockstroh an die Verhandlungen mit Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Vor allem aber mit der DDR, wo Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht als ZK-Chef ablöst. Schon als Außenminister hatte Brandt dafür die Weichen gestellt. Umsetzen kann er seine Ostpolitik aber erst im Bündnis mit der FDP und deren Vorsitzenden Walter Scheel. 1971 erhält er dafür den Friedensnobelpreis.

Willy Brandt steht nicht zuletzt für einen neuen Politikstil. Und das bedeutet mehr, als schließlich schwarz auf weiß in den Ostverträgen steht. Nichts symbolisiert das besser als sein Kniefall vor dem Mahnmal der Opfer des Warschauer Gettos am 7. Dezember 1970. "Das kam völlig unerwartet, ein Kniefall ist ja eine Geste aus dem religiösen Bereich", erinnert sich Müller-Rockstroh an jene Bilder, die um die Welt gingen: "Wir waren alle überrascht, aber ich fand die Geste gut."

Und das deutsche Volk? Natürlich mokiert sich damals so mancher über die vermeintliche Demutshaltung, unkt sogar von Landesverrat. Aber die große Mehrheit, da ist der Stuttgarter Zeitzeuge überzeugt, nimmt Brandts Ostpolitik mit Sympathie auf. Die Bestätigung dafür erhält die SPD bei der Wahl 1972: Sie fährt mit 45,8 Prozent den größten Wahlsieg ihrer Geschichte in die Scheuer. Alle glauben: Deutschland bricht auf zu neuen Ufern. "Mehr Demokratie wagen!", ruft Brandt, und die Jugend greift das Motto begierig auf.

"Brandt hat die innenpolitischen Erwartungen, die er geweckt hat, nicht erfüllt", erinnert sich der Stuttgarter Peter Müller-Rockstroh

"Der Wahlsieg war auch innenpolitisch ein großes Versprechen", sagt Peter Müller-Rockstroh, der 1971 zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern im Stuttgarter Vorort Vaihingen Wurzeln schlägt. Gleichberechtigung, Toleranz, Freiheit - die Ideale der neuen Politik versucht die junge Familie auch im persönlichen Umfeld zu leben. Es ist die hohe Zeit der antiautoritären Erziehung, die Neu-Stuttgarter finden bald Gleichgesinnte, und weil beide Elternteile arbeiten wollen, gründen sie kurzerhand eine Tagesstätte - den Kinderladen im Pfaffenwald gibt's übrigens noch heute.

Gespannt verfolgen sie, was die sozialliberale Koalition gesellschaftspolitisch voranbringt, und manchmal glaubt der junge Familienvater, dass nichts den Fortschritt bremsen kann. Willy sei Dank. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß, und Anlass ist der sogenannte Radikalenerlass. Das ist jene von Bund und Ländern erdachte Regel, wonach eine Anstellung im öffentlichen Dienst abgelehnt werden kann, wenn Zweifel an dessen Eintreten für die freiheitlich-demokratische Grundordnung bestehen.

"Das war falsch, denn so wurden ehemalige Mitglieder der Studentenbewegung ausgegrenzt", sagt Müller-Rockstroh. Wenn man ihn fragt, was Brandt denn innenpolitisch überhaupt auf den Weg gebracht hat, kommt er ins Grübeln. "Brandt hat die innenpolitischen Erwartungen, die er geweckt hat, nicht erfüllt", sagt er schließlich. Atmosphärisch ja, da habe sich in jener Zeit vieles gebessert, aber seine Ziele habe der SPD-Kanzler im Grunde verfehlt.

Auch wirtschaftlich geht's bergab. Die Araber drehen dem Westen den Ölhahn zu, die ÖTV geht mit Streiks auf Konfrontation gegen die Regierung, und auch im Kanzleramt ist Sand im Getriebe. "Bei all den Dingen war Brandt gar nicht mehr sichtbar", erinnert sich Müller-Rockstroh. Schon die Koalitionsverhandlungen von 1972 seien eher von Helmut Schmidt und Herbert Wehner als vom Parteichef geführt worden.

Als schließlich auch noch der Kanzlerreferent Günter Guillaume als DDR-Spion entlarvt wird, ist dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. "Brandt ist politisch so geschwächt, dass er die Spionageaffäre nicht überleben kann", sagt Müller-Rockstroh. 1974 wird Schmidt neuer Kanzler. Der führt, darauf legt Müller-Rockstroh Wert, Willy Brandts Ostpolitik konsequent weiter und sichert sie nach Westen ab - bis hin zum Nachrüstungsbeschluss der Nato.

Als Brandt 1992 stirbt, erweist ihm der Stuttgarter bei der Trauerfeier die letzte Ehre. Und er bekennt: "Ich habe geweint."
 

Arnold Rieger